Vor einiger Zeit las ich eine Andacht mit dem Titel: „Glaube bedeutet nicht, die Realität zu verleugnen.“ Dieser Satz sprang mir sofort ins Auge. Denn ich kenne Menschen, die genau das tun. Sie reden, als hätten sie nie Probleme. Sie lächeln ständig. Alles ist „gesegnet“. Alles ist „Sieg“. Alles ist „Victory“.
Fragst du sie, wie es ihnen geht, kommt reflexartig: „Mir geht es gut – ich habe ja Jesus!“ Wenn das ehrlich gemeint ist: wunderbar. Aber manchmal spürt man: Dieses Lächeln ist aufgesetzt. Diese Antwort ist eine Floskel. Dahinter steckt keine Freude – sondern Verdrängung.
Wenn es mir nicht gut geht, dann darf es mir auch schlecht gehen.
Wenn ich trauere, muss ich nicht so tun, als würde ich schweben.
Wenn Sorgen mich drücken, hilft es nicht, sie wegzudeklarieren.
So zu tun, als wäre alles in Ordnung, obwohl es das nicht ist, ist kein Glaube. Es ist Selbsttäuschung. Und manchmal sogar geistlich verpackte Unehrlichkeit. Es gibt eine Form von Christentum, die sagt: „Leugne deine Probleme. Sprich ein positives Bekenntnis. Proklamiere deinen Sieg.“
Ich bin überzeugt: Das kommt nicht von Jesus. Jesus hat nie gelehrt, die Realität auszublenden. Er hat Menschen nicht gesagt, sie sollen ihre Stürme ignorieren. Er hat Stürme gestillt – aber erst, nachdem sie real waren.
Glaube heißt nicht, so zu tun, als gäbe es keine Riesen. Glaube heißt, ihnen ins Gesicht zu schauen. David hat Goliath nicht geleugnet. Er hat ihn gesehen – aber größer sah er seinen Gott. Paulus bringt es auf den Punkt: „Deshalb richten wir unseren Blick nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare vergeht, das Unsichtbare bleibt ewig“ (2. Korinther 4,18).
Beachte: Paulus sagt nicht, dass das Sichtbare nicht existiert. Er sagt nur: Es ist nicht das Entscheidende.
Wenn du nur auf die Welt schaust, wirst du verzweifeln. Wenn du nur auf dich selbst schaust, wirst du entmutigt. Wenn du aber auf Christus schaust, wirst du innerlich stabil.
Glaube ist kein Wegsehen. Glaube ist ein Höhersehen.
Du kannst deine Familie nicht auf Fantasie bauen. Du kannst ein Unternehmen nicht auf Wunschdenken bauen. Du kannst dein Leben nicht auf fromme Illusionen bauen.
Aber du kannst es auf Vertrauen bauen. Die Frage ist also nicht, ob du Umstände hast. Die Frage ist: Wo ist dein Blick? Du kannst deine Umstände oft nicht sofort ändern. Aber du kannst entscheiden, was sie mit deinem Herzen machen.
Wenn du deine Probleme leugnest, belügst du dich selbst. Wenn du sie anstarrst, ziehen sie dich hinunter.
Wenn du sie Gott hinhältst, verlieren sie ihre absolute Macht Glaube bedeutet: Ich sehe die Realität – und ich sehe meinen Gott. Und mein Gott ist größer.
Kleine Herausforderung für heute: Sei heute im Gebet ganz ehrlich vor Gott. Nicht heldenhaft. Nicht übergeistlich. Sondern ehrlich. Benenne eine Sorge konkret im Gebet – und dann richte deinen Blick bewusst auf eine Zusage Gottes, die größer ist als diese Sorge.
Sei gesegnet!
„Umstände sind wie eine Matratze: Liegt man obenauf, ruht man bequem. Liegt man darunter, erstickt man“ (Rick Warren).


