Eigentlich bin ich kein strenger Lehrer. Aber manchmal, da platzt mir die Hutschnur. Die beste Lösung ist es dann oft, bei Störungen ein Kind auf einen anderen Platz zu setzen. Wenn ich das ansage, dann folgt schon fast reflexartig eine bestimmte Reaktion. Es wird ein „Hundeblick“ aufgesetzt und mit lieblicher Stimme gebettelt: „Bitte, Herr Ferrarÿ, nur noch eine Chance!“ Und ich muss gestehen: Oft genug gewähre ich sie dann auch.
Bitte noch eine Chance – das erbitten wir von Gott auch immer wieder. Und so sehr ich bei den Kids in der Schule weiß, dass das meist nicht klappt, sondern sie noch viel mehr Chancen brauchen, so sehr weiß Gott das auch bei uns.
Das Gute ist: Barmherzigkeit ist ein Wesen Gottes. Gott ist ein Gott der zweiten (und dritten und vierten) Chance. Und wenn Gott sagt, er segnet uns mit Barmherzigkeit, wenn wir selbst barmherzig sind (Matthäus 5,7), dann bedeutet das: Gib anderen eine zweite Chance! Denn die Menschen brauchen das!
Vergib anderen Menschen, vor allem denen, die dir wehgetan haben! Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich tun wollen. Wenn uns jemand wehtut, wollen wir normalerweise eines von zwei Dingen tun. Entweder A: uns rächen, oder B: die Person abschreiben. Wenn dir jemand wehtut, willst du ihm keine zweite Chance geben.
Der Typ hat mich bei der Arbeit verletzt. Du weißt doch, dass er mich fertiggemacht hat. Er hat mich, na ja, vor anderen bloßgestellt. Egal. Entweder willst du dich rächen oder du willst die Sache auf sich beruhen lassen.
Aber in der Bibel steht Folgendes: „Befreit euch von Bitterkeit und Wut, von Ärger, harten Worten und übler Nachrede sowie jeder Art von Bosheit. Seid stattdessen freundlich und mitfühlend zueinander und vergebt euch gegenseitig, wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat“ (Epheser 4,31-32).
Beachte, dass die Bibel Barmherzigkeit sechs (!) negativen Reaktionen gegenüberstellt: Bitterkeit, Wut, Ärger, harte Worte, üble Nachrede und Bosheit. Verstehst du, warum Barmherzigkeit heute so wichtig ist? Weil die Welt heute eben so ist. Die Welt reagiert mit Bitterkeit. Harte Worte tun weh.
Wenn du es nicht glaubst, schau einfach mal ins Internet, und du wirst sehen, dass es dort sehr, sehr wenig Barmherzigkeit gibt. Wie würdest du dich selbst in Bezug auf Barmherzigkeit einschätzen? Bist du verbittert, wütend, nutzt du harte Worte? Hast du geschrien, geflucht, bist du unhöflich geworden? Oder bist du immer freundlich und barmherzig und vergibst anderen, so wie Gott dir vergeben hat?
Wie würdest du dich in dieser Hinsicht einschätzen?
Ich würde mir so wünschen, dass wir Christen in den Köpfen der Menschen als die bekannt sind, die vergeben und die zweite Chance geben. Dass unsere Kirchen als Orte der Vergebung bekannt sind – als Orte, an denen Menschen frei werden und neue Chancen bekommen! Auch wenn uns das manchmal an die Grenze der Belastbarkeit bringt.
Ich träume davon, dass Kirche ein Ort der Barmherzigkeit ist, ein Ort der Gnade, an dem man eine zweite Chance bekommt, wenn man Fehler gemacht hat und neu anfangen muss. Du brauchst einen Neuanfang? Dann ist dies die richtige Kirche für dich.
Herausforderung für heute: Horch einmal tief in dein Herz. Wo gibt es Menschen, dennen du eigentlich eine zweite Chance geben solltest? Wo haben dir andere wehgetan – und du möchtest am liebsten Rache? Triff heute die Entscheidung, so zu handeln, wie Jesus handeln würde, und lebe Vergebung (auch wenn dein Gefühl vielleicht nicht sofort mitzieht). Sprich Vergebung aus und sei barmherzig zu denen, die dich verletzt haben!
Sei gesegnet!
„Vergeben heißt, einen Gefangenen freizulassen – und dann festzustellen, dass der Gefangene man selbst war.“— Lewis B. Smedes


