Ein Bettler spricht einen reichen Mann um ein Almosen an. „Haben Sie nicht etwas Erbarmen? Ich habe seit drei Tagen nichts gegessen!“ Darauf der Reiche barsch: „Mein Lieber, Sie müssen sich zwingen! Auch wenn es schwerfällt – Sie müssen essen, um bei Kräften zu bleiben!“
Manchmal ist Barmherzigkeit leichter zu erklären als zu leben. In den vergangenen Tagen haben wir vier Gründe entdeckt, warum Barmherzigkeit zu einem Lebensstil werden soll. Doch eine Frage bleibt: Wo fängt Barmherzigkeit eigentlich an?
Jesus gibt darauf eine überraschende Antwort. Er sagt: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäus 7,3) Wie treffend!
Wir entdecken die Fehler anderer oft in Sekundenbruchteilen – und brauchen manchmal Jahre, um unsere eigenen zu erkennen. Ein Prediger sagte einmal: „Wenn du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen drei Finger auf dich selbst.“
Diesen Satz habe ich nie vergessen. Paulus schreibt: „Seid freundlich und demütig, geduldig im Umgang miteinander. Ertragt einander voller Liebe.“ (Epheser 4,2) Vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Orte, an denen Barmherzigkeit sichtbar wird: Geduld mit den Eigenheiten anderer. Mit ihren Macken. Mit ihren Marotten. Mit ihren schlechten Tagen. Mit ihren Schwächen.
Warum? Weil wir selbst genügend davon haben. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, zu dem ich als Prediger eingeladen war. Der Moderator fragte mich vor der Gemeinde: „Was sind eigentlich deine größten Schwächen?“ Ich antwortete mutig: „Frag doch einfach meine Frau.“ Er tat es.
Die Gemeinde lachte herzlich. Ich wäre am liebsten unter meinem Stuhl verschwunden. Seitdem überlege ich mir solche Antworten etwas genauer.
Wer verheiratet ist, lebt mit einem unvollkommenen Menschen, einem Sünder, zusammen. Und der Ehepartner übrigens auch. Deshalb besteht eine gute Ehe nicht aus zwei perfekten Menschen. Sondern aus zwei Menschen, die gelernt haben, einander immer wieder zu vergeben.
Genau das ist Barmherzigkeit. Und deshalb beginnt Barmherzigkeit meistens nicht auf einer großen Bühne. Sie beginnt zu Hause. Am Frühstückstisch. Im Gespräch mit dem Ehepartner. In der Geduld mit den Kindern.
Im freundlichen Umgang mit den Nachbarn. Oder mit dem Kollegen, der dir heute zum dritten Mal dieselbe Frage stellt. Dort entscheidet sich oft, ob Gottes Barmherzigkeit nur ein schönes Wort bleibt – oder zu einem Lebensstil wird.
Vielleicht verändert Barmherzigkeit nicht zuerst die Welt. Vielleicht verändert sie zuerst dein Zuhause. Und manchmal ist genau das der Anfang von allem.
Herausforderung für heute: Überlege dir heute: Wer ist der Mensch, mit dem dir Geduld gerade am schwersten fällt? Bitte Gott ganz bewusst darum, dir heute seine Augen für diesen Menschen zu schenken – und begegne ihm mindestens einmal mit mehr Freundlichkeit, als er vielleicht erwartet.
Sei gesegnet!
„Geduld ist bitter, aber ihre Frucht ist süß.“ — Jean-Jacques Rousseau


