Trost der Mutter zur Toichter auf einer Bank

Gesegnet im Tal

Jürgen Ferrary
17. Juni 2026

Manche Menschen sind vom Christentum enttäuscht. Nicht, weil Jesus sie enttäuscht hätte, sondern weil sie eine falsche Erwartung hatten. Sie dachten, Christsein bedeute, immer fröhlich zu sein. Immer im Sonnenschein zu leben. Von einem Höhepunkt zum nächsten zu schweben. Dauerhaft glücklich, dauerhaft stark, dauerhaft positiv.

Doch nirgends verspricht die Bibel ein solches Leben. Seit dem Sündenfall leben wir in einer gefallenen Welt. Eine Welt, in der Freude und Leid, Lachen und Weinen, Gesundheit und Krankheit nebeneinander existieren.

Deshalb schreibt Salomo: „Weinen hat seine Zeit wie auch das Lachen. Klagen hat seine Zeit wie auch das Tanzen“ (Prediger 3,4). Früher oder später durchquert jeder Mensch Täler der Trauer. Wir verlieren Menschen, die wir lieben. Träume zerbrechen. Beziehungen scheitern. Gesundheit schwindet. Türen schließen sich.

Und genau hier spricht Jesus eine seiner überraschendsten Seligpreisungen aus: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden“ (Matthäus 5,4). Mal ehrlich: Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Wie können Trauernde gesegnet sein?

Jesus sagt nicht, dass Trauer angenehm ist. Er sagt nicht, dass Leid gut ist. Er sagt auch nicht, dass wir uns über unseren Schmerz freuen sollen. Er sagt vielmehr: Die Trauernden werden von Gott nicht übersehen.

Gerade ihnen gilt seine besondere Nähe. Gerade ihnen gilt sein Trost. Und beachte: Diese Aussage steht ganz am Anfang der Bergpredigt. Sie gehört zu den ersten Dingen, die Jesus seinen Nachfolgern mitgeben möchte.

Warum? Weil Trauer kein Betriebsunfall des Lebens ist. Sie gehört zu unserem Leben dazu. Du musst nur die Nachrichten lesen: Kriege, Krankheiten, Unglücke, Gewalt und Ungerechtigkeit. Und irgendwann trifft das Leid nicht mehr nur andere.

Du kannst deine Gesundheit verlieren. Deinen Arbeitsplatz. Deinen guten Ruf. Deine Kraft. Einen geliebten Menschen. Einen Traum. Die Bibel fordert uns deshalb nicht dazu auf, ständig gute Laune zu haben. Im Gegenteil.

Sie lädt uns ein, ehrlich zu sein. Ehrlich über unseren Schmerz. Ehrlich über unsere Verluste. Ehrlich über unsere Sünde.

Denn auch darüber dürfen und sollen wir trauern. Über das Leid in dieser Welt. Über Menschen, die Gott nicht kennen. Über die Dinge in unserem eigenen Leben, die nicht so sind, wie Gott sie gedacht hat.

Ich habe einmal einen Gedanken gehört, der mich bis heute begleitet: Ohne Veränderung gibt es kein Wachstum. Ohne Verlust gibt es keine Veränderung. Ohne Schmerz gibt es keinen Verlust. Und ohne Trauer gibt es keinen Schmerz.

Trauer ist deshalb nicht immer ein Zeichen von Schwäche. Oft ist sie ein Zeichen dafür, dass wir geliebt haben. Dass uns etwas wichtig war. Dass unser Herz noch lebt.

Wenn jemand niemals um etwas trauert, dann hat er entweder den Bezug zur Realität verloren, den Zugang zu seinen Gefühlen verloren – oder aufgehört zu lieben.

Doch Jesus begegnet uns nicht erst auf den Gipfeln unseres Lebens. Er begegnet uns auch im Tal. Und vielleicht sogar dort besonders.

Kleine Herausforderung: Gibt es einen Verlust, eine Enttäuschung oder einen Schmerz, den du längst in eine innere Schublade gesperrt hast? Nimm dir heute fünf Minuten Zeit. Schreibe auf, worüber du eigentlich noch trauerst. Und dann bring genau diese Dinge im Gebet zu Gott.

Nicht jede Wunde heilt sofort. Aber Gott hat versprochen, den Trauernden nahe zu sein.

Sei gesegnet!

„Tränen sind Worte, die das Herz nicht aussprechen kann.“ – Mahatma Gandhi

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