Motorradfahrer - Autofahrerin
Jürgen Ferrary
3. Juli 2026

Gestern Vormittag war ich mit dem Motorrad unterwegs. Blauer Himmel, Sonnenschein, der Wind im Gesicht – ich liebe solche Momente. Bis mir ein Autofahrer die Vorfahrt nahm. Ich musste kräftig bremsen, mein Puls schoss nach oben, und der erste Gedanke war alles andere als barmherzig:

„Wenn ich den an der nächsten Ampel erwische, dann sage ich ihm mal ordentlich meine Meinung!“ Genau in solchen Momenten redet Gott manchmal erstaunlich deutlich zu mir. Heute hatte ich den Eindruck, als würde er fragen: „Sag mal – hast du nicht gerade in den letzten Tagen Andachten über Barmherzigkeit geschrieben? Was ist denn jetzt damit?“

Autsch.

Ich musste schmunzeln – und gleichzeitig schlucken. Wieder einmal wurde mir bewusst: Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich einmal war. Aber ich bin auch noch lange nicht der Mensch, den Gott einmal aus mir machen wird.

Jesus sagt: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Matthäus 5,7). In den vergangenen Tagen haben wir bereits zwei Gründe kennengelernt, warum wir barmherzig leben sollen: Weil Gott selbst barmherzig ist. Und weil Gott uns dazu aufruft.

Heute kommt ein dritter Grund hinzu: Weil wir selbst auch morgen noch Gottes Barmherzigkeit brauchen werden.

Solange wir auf dieser Erde leben, werden wir Fehler machen. Wir werden schuldig werden. Wir werden auf Gottes Gnade angewiesen bleiben. Deshalb schreibt Jakobus: „Denn es wird keine Barmherzigkeit für den geben, der anderen gegenüber nicht barmherzig war.“ (Jakobus 2,13).

Dieser Vers wirkt zunächst erschreckend.

Doch Jakobus sagt nicht, dass wir uns Gottes Vergebung verdienen müssen. Er macht deutlich: Wer Gottes Erbarmen wirklich angenommen hat, dessen Herz wird verändert. Ein Mensch, der Gottes Gnade kennt, wird sie auch anderen weitergeben wollen. Der Vers geht nämlich noch weiter:

„Die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.“

Das bedeutet: Wer barmherzig war, wird auch vor dem Gericht Gottes bestehen. Nicht, weil er plötzlich vollkommen wäre. Aber weil er im Alltag darum ringt, so zu leben. Wir sprechen im Glaubensbekenntnis davon, dass Jesus wiederkommen wird, „zu richten die Lebenden und die Toten“. Muss uns das Angst machen? Nein.

Nicht, weil wir fehlerlos wären. Sondern weil wir auf einen barmherzigen Richter treffen. Und weil seine Barmherzigkeit unser Leben verändert. Deshalb dürfen wir ohne Angst in die Zukunft schauen.

Aber wir sollten bewusst leben. Jeder Tag bietet neue Gelegenheiten, Gottes Barmherzigkeit weiterzugeben. Manchmal beginnt das schon an einer Kreuzung. Oder an einer roten Ampel. Oder bei einem Motorradfahrer, der gerade tief durchatmen muss.

Barmherzigkeit ist keine Schwäche. Sie ist der sichtbar gewordene Beweis dafür, dass Gottes Gnade unser Herz erreicht hat.

Deine Herausforderung für heute: Achte heute ganz bewusst auf den ersten Moment, in dem dich jemand ärgert oder enttäuscht. Bevor du reagierst, bete innerlich: „Jesus, lass mich diesem Menschen heute mit deiner Barmherzigkeit begegnen.“

Vielleicht verändert dieses kurze Gebet nicht sofort die Situation – aber es verändert dein Herz.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.“ — Viktor E. Frankl

Sei gesegnet!

Mehr Gedanken

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner
Warning