Unterhaltung im Restaurant

Worte, die Leben schenken

Jürgen Ferrary
8. Juni 2026

Ist dir schon einmal aufgefallen, wie leicht uns Kritik fällt – und wie schwer Ermutigung? Schon im Studium hörte ich immer wieder den Satz: „Sagt zuerst etwas Positives, bevor ihr kritisiert.“ Heute erlebe ich das regelmäßig, zum Beispiel in meinen sechsten Klassen.  

Die Schülerinnen und Schüler bereiten in Kleingruppen Referate über Weltreligionen vor. Sie lernen zu recherchieren, gestalten Präsentationen und üben, vor anderen zu sprechen. Wenn ein Vortrag endet, schnellen die Finger meist sofort nach oben. „Das war zu kurz!“ „Die Folien waren langweilig!“ „Das haben sie vergessen!“ 

Kritik fällt vielen erstaunlich leicht. Deshalb bremse ich meine Klassen bewusst aus. Zuerst dürfen sie Fragen stellen. Dann schauen wir gemeinsam einen kurzen Film zum Thema und prüfen, ob die wichtigsten Inhalte tatsächlich gefehlt haben. Erst danach sprechen wir über Verbesserungsvorschläge. 

Und selbst dann gilt eine Regel: Nenne zuerst etwas, das dir gefallen hat. Für manche ist das eine echte Geduldsprobe. Warum eigentlich? Warum entdecken wir Fehler oft schneller als Stärken? Warum fällt uns das Negative so viel leichter als das Aufbauende? 

Vielleicht, weil wir selbst in einer Welt leben, die schnell bewertet und langsam ermutigt. Dabei wissen wir doch alle, wie gut uns ehrliche Anerkennung tut. Nicht umsonst heißt es in der Bibel: „Worte haben Macht: Sie können über Leben und Tod entscheiden.“ (Sprüche 18,21) 

Worte sind nie neutral. Sie können entmutigen oder aufrichten. Verletzen oder heilen. Niederdrücken oder Hoffnung schenken. Deshalb beschreibt Sprüche 16,24 freundliche Worte als „Honig für die Seele“. Was für ein schönes Bild. 

Jeder Mensch trägt Kämpfe mit sich herum, die wir oft nicht sehen. Manche zweifeln an ihrem Wert. Manche kämpfen mit Versagensängsten. Manche stehen vor schwierigen Entscheidungen. Manche fühlen sich einsam, obwohl sie von Menschen umgeben sind. 

Und vielleicht wartet genau so ein Mensch auf ein ehrliches Wort der Ermutigung. Auf einen Satz, der Hoffnung schenkt. Auf eine Erinnerung daran, dass er gesehen wird. Das Erstaunliche ist: Ermutigung verändert nicht nur den Empfänger. Sie verändert auch den, der sie ausspricht. 

Denn wenn wir beginnen, Gottes Wahrheit über andere Menschen auszusprechen, lernen wir oft, diese Wahrheit selbst tiefer zu glauben. Wenn wir Gottes Wirken in anderen erkennen, werden wir sensibler für sein Wirken in unserem eigenen Leben. Ermutigung ist keine Einbahnstraße. 

Sie ist ein Geschenk, das in beide Richtungen wirkt. Deshalb unterschätze niemals die Kraft deiner Worte. Vielleicht verändert ein einziger Satz nicht die ganze Welt. Aber vielleicht verändert er den Tag eines Menschen. Und manchmal ist genau das der Anfang von etwas Größerem. 

Herausforderung für heute: Bitte Gott heute ganz bewusst: „Herr, zeig mir einen Menschen, der Ermutigung braucht.“ Und wenn dir jemand in den Sinn kommt, dann warte nicht. Schreibe eine Nachricht. Mach einen Anruf. Sprich ein ehrliches Kompliment aus. Sage dieser Person konkret, was du an ihr schätzt.

Mach Ermutigung zu einer Gewohnheit. Du wirst überrascht sein, was Gott durch ein paar aufrichtige Worte bewirken kann – im Leben anderer und in deinem eigenen. 

Sei gesegnet! 

„Jeder Mensch, dem du begegnest, kämpft einen Kampf, von dem du nichts weißt. Sei freundlich. Immer.“ – Ian Maclaren

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