„Du hast mich so oft angespuckt, geschlagen und getreten. Das war nicht sehr nett von dir, ich hatte nie darum gebeten (…) doch jetzt ist das Maß voll“ – so heißt es in einem berühmten Lied der Punk-Band „Die Ärzte“. Und dann fährt der Sänger fort: „Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man dir das nicht erklärt? (…) Jetzt stehst du vor mir und wir sind ganz allein. Keiner kann dir helfen, keiner steht dir bei: Ich schlag‘ nur noch auf dich ein. Immer mitten in die Fresse rein.“
Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich diesen Impuls manchmal erschreckend gut. Jemand verletzt mich. Jemand macht einen dummen Spruch. Jemand redet hinter meinem Rücken. Und sofort meldet sich eine Stimme in mir: Jetzt reicht’s! Jetzt bekommt er eine passende Antwort.
Genau so funktioniert unsere Welt. Wie du mir, so ich dir. Doch Jesus zeigt einen völlig anderen Weg. Er sagt: „Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen!“ (Matthäus 5,44).
Wenn ich diesen Satz lese, merke ich jedes Mal, wie weit ich davon noch entfernt bin. Natürlich wünsche ich mir, geistlich reif zu sein. Aber oft reagiere ich noch viel zu menschlich. Gleichzeitig sehe ich auch, wie Gott mich verändert hat. Ich bin längst nicht dort, wo ich einmal sein möchte – aber Gott sei Dank auch nicht mehr dort, wo ich einmal war.
Vielleicht ist genau das geistliches Wachstum.
Der natürliche Mensch schlägt zurück. Der geistlich reife Mensch lernt, sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen. Nicht weil ihm Unrecht egal wäre, sondern weil Christus in ihm stärker wird als sein verletzter Stolz.
Dabei bedeutet Feindesliebe nicht, Unrecht schönzureden oder schweigend alles hinzunehmen. Jesus hat Sünde klar benannt. Er ist der Wahrheit niemals ausgewichen. Aber er sprach die Wahrheit ohne Bitterkeit, ohne Hass und ohne den Wunsch nach Rache.
Genau das greift Paulus auf: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem … Rächt euch nicht selbst, sondern überlasst die Rache Gott.“ (Römer 12,17.19). Und als wäre das noch nicht herausfordernd genug, setzt er wenige Verse später nach: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute.“ (Römer 12,21)
Das ist keine Schwäche. Das ist wahre Stärke.
Denn jeder kann zurückschlagen. Jeder kann verletzen. Jeder kann das letzte Wort haben wollen. Aber es braucht die Kraft Gottes, auf Hass mit Liebe, auf Beleidigungen mit Freundlichkeit und auf Verletzungen mit Vergebung zu reagieren.
Petrus beschreibt Jesus so: „Als er beschimpft wurde, beschimpfte er nicht zurück; als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter“ (1. Petrus 2,23). Und am Kreuz betete Jesus sogar: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34)
Welch ein Moment!
Der Sohn Gottes hätte Legionen von Engeln rufen können. Er hätte sich wehren können. Stattdessen entschied er sich für Liebe. Genau darin zeigt sich göttliche Stärke.
Vielleicht wirst du heute unfair behandelt. Vielleicht macht sich jemand über deinen Glauben lustig. Vielleicht verletzt dich ein Mensch zutiefst. Dann frage dich nicht als Erstes: Wie kann ich es ihm heimzahlen?
Frage lieber: Wie würde Jesus jetzt reagieren?
Denn gerade in den Momenten, in denen wir verletzt werden, zeigt sich, ob Christus nur auf unseren Lippen oder bereits in unserem Herzen lebt. Vergeltung verändert selten einen Menschen. Liebe dagegen hat die Kraft, Herzen zu verändern – manchmal sogar das eigene zuerst.
Herausforderung für heute: Gibt es einen Menschen, dessen Name sofort vor deinem inneren Auge erscheint, wenn du an Verletzung denkst?
Dann wage heute einen ersten Schritt. Sprich seinen Namen bewusst vor Gott aus und bete für ihn. Du musst deine Gefühle nicht vortäuschen. Aber du kannst Gott bitten, dein Herz Stück für Stück zu verändern.
Sei gesegnet!
„Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind.“ — Mahatma Gandhi
Sei gesegnet!


