Junge und alte Frau lächeln sich an

Mehr als Mitleid

Jürgen Ferrary
30. Juni 2026

Zwei Aspekte, wie ein Mensch den Segen Gottes erhalten kann, haben wir uns in den vergangenen Tagen bereits angeschaut. Jesus nennt sie in seiner berühmten Bergpredigt. Gesegnet (oder selig oder glücklich) sind, die geistlich arm sind und die hungern nach Gerechtigkeit. Als dritten Punkt sagt Jesus: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Matthäus 5,7).

Barmherzigkeit ist also die Voraussetzung dafür, den Segen Gottes in Form von Barmherzigkeit zu erlangen. Aber was bedeutet dieses Wort denn eigentlich? Wenn es dir so geht wie mir, dann denkst du vielleicht auch als Erstes an den barmherzigen Samariter. Wobei ich dabei immer an einen Bernhardiner denken muss, der ein kleines Fass am Hals trägt, obwohl das so gar nichts damit zu tun hat.

Wenn es um Barmherzigkeit geht, denken die meisten an zwei Dinge: Menschen zu vergeben, die es nicht verdienen, oder Menschen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können. Das sind zwei Definitionen, die uns typischerweise in den Sinn kommen.

Doch Barmherzigkeit hat in deinem Leben noch so viel mehr zu bedeuten und zu bewirken als nur diese beiden Dinge. Barmherzigkeit gehört zum Wesen Gottes. Es gibt buchstäblich Hunderte von Schriftstellen, die von Gottes Barmherzigkeit und seiner Liebe, seinem Mitgefühl und seiner Gnade sprechen.

Barmherzigkeit ist also ein bisschen wie ein Edelstein, der im Licht funkelt. Sie hat unzählige Facetten. Wenn ich wissen will, was der Begriff bedeutet, dann schaue ich mir Gott an. Und dann erhalte ich auch gleich den ersten Grund, warum ich barmherzig sein sollte: Gott hat uns Barmherzigkeit erwiesen.

Epheser 2,4–5 sagt: „Doch Gott ist so barmherzig und liebte uns so sehr, dass er uns, die wir durch unsere Sünden tot waren, mit Christus neues Leben schenkte, als er ihn von den Toten auferweckte.“ Durch Gottes Gnade sind wir errettet worden.

Gott möchte, dass wir genauso mit unseren Mitmenschen umgehen. Er möchte, dass wir die Gnade, die wir von ihm empfangen haben, weitergeben. Sieh dir den nächsten Vers an, Matthäus 18,33, wo Jesus als Resümee eines Gleichnisses fragt: „Hättest du da nicht auch mit meinem anderen Verwalter Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir?“

Jesus erzählt hier die Geschichte von einem unbarmherzigen Angestellten, der seinem Chef Geld schuldet. Und der Chef sagt: „Nun, ich werde Erbarmen mit dir haben. Lass uns deine Schulden einfach begleichen; wir streichen sie und betrachten die Sache als erledigt.“

Und der Kerl kann es nicht fassen, weil ihm so viel Gnade erwiesen wurde. Doch dann geht er zu ein paar Leuten, die ihm Geld schulden – viel weniger –, und packt sie am Hals. „Zahl mir, oder ich lasse dich ins Gefängnis werfen!“, sagt er. Als der Boss davon hört, fragt er: „Was machst du da? Ich war gnädig zu dir, und du bist es nicht mit den Leuten um dich herum.“ Und er wirft ihn ins Gefängnis.

Ich kenne unzählige Begebenheiten in meinem Leben, wo ich Gott darum bat, einzugreifen. Aber wenn einen Moment später mein Nachbar klingelt, weil er Hilfe braucht, kostet es mich große Überwindung, meinen Hintern hochzubekommen. Oder das Thema Vergebung: Wie leicht ist es, dass wir Gott um Vergebung bitten – am besten ganz unverbindlich und pauschal im Abendmahl. Aber nach einem Streit mit dem Ehepartner, einem Freund oder besagtem Nachbarn sind wir noch lange eingeschnappt.

Oder ein dritter Aspekt: Wie sehr beten wir darum (oder gehen einfach davon aus), dass Gott uns mit allem versorgt („Unser tägliches Brot gib uns heute“, so heißt es doch im Vaterunser). Aber wie sehr müssen wir mit uns ringen, von dem, was wir haben, anderen etwas abzugeben. Wenn es darum geht, in Gottes Reich zu investieren und regelmäßig Geld zu spenden, dann schrillen eher unsere inneren Alarmglocken, als dass das Portemonnaie locker sitzt.

Gott sagt: Wenn ich dir Barmherzigkeit erweise, erwarte ich, dass du sie anderen erweist. Gott hat mir Barmherzigkeit erwiesen.

Kleine Herausforderung für heute: Überlege dir heute einen konkreten Menschen, dem du Barmherzigkeit zeigen kannst – vielleicht durch eine Vergebung, einen Anruf, praktische Hilfe oder eine großzügige Geste. Dann tu es heute noch.

Sei gesegnet!

„Mitgefühl ist keine Schwäche, sondern eine Form von Stärke.“— Dalai Lama

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