Großzügigkeit beginnt nicht erst beim Geld

Jürgen Ferrary
6. November 2026

Manchmal sind wir erstaunlich großzügig – zumindest in Gedanken. Wir sehen einen Bericht über Menschen in Not, finden das schrecklich und denken: Da müsste man doch etwas tun! Wir ärgern uns über Ungerechtigkeit, wünschen uns mehr Menschlichkeit und hoffen, dass irgendjemand hilft. Doch dann stehen wir selbst vor einem Menschen, der unsere Hilfe braucht, und plötzlich haben wir es eilig. Der Bus wartet, das Handy klingelt, der nächste Termin drängt. Und schon sind wir weiter.

Dabei beginnt Großzügigkeit nicht erst mit einer Überweisung auf ein Spendenkonto. Sie beginnt viel früher: bei der Frage, ob ich bereit bin, etwas von mir selbst zu geben.

Jesus erzählt dazu eine Geschichte, die vermutlich jeder kennt: die Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25–37). Ein Mann wird überfallen, ausgeraubt und schwer verletzt am Straßenrand liegen gelassen. Zwei religiöse Männer kommen vorbei. Sie sehen ihn, gehen aber auf der anderen Straßenseite weiter. Dann kommt ein Samariter. Ausgerechnet einer, von dem man es aufgrund der damaligen Feindschaft zwischen Juden und Samaritern vielleicht am wenigsten erwartet hätte.

Jesus erzählt in Lukas 10,33–34: „Als er den Mann sah, hatte er Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn in eine Herberge und versorgte ihn dort.“ 

Der Samariter hielt keine lange Rede über Nächstenliebe. Er organisierte keine Hilfskonferenz und wartete auch nicht darauf, dass jemand anderes zuständig wurde. Er sah die Not, ließ sich berühren und handelte. Er gab seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, seine Kraft und sogar sein Geld.

Großzügigkeit beginnt dort, wo du nicht mehr nur fragst, was dich etwas kostet, sondern was du für einen anderen Menschen tun kannst.

Johannes formuliert diesen Gedanken ziemlich unmissverständlich. In 1. Johannes 3,17–18 lesen wir: „Angenommen, jemand besitzt genug, um gut leben zu können, und sieht seinen Bruder oder seine Schwester in Not, verschließt aber sein Herz vor ihnen. Wie kann dann die Liebe Gottes in ihm bleiben? Meine Kinder, unsere Liebe darf nicht nur aus schönen Worten bestehen. Sie muss sich in Taten zeigen, die der Wahrheit entsprechen.“

Das bedeutet nicht, dass du dich für jeden verantwortlich machen musst oder ständig über deine Grenzen gehen sollst. Aber es bedeutet, dass Gottes Liebe durch dich sichtbar werden möchte. Und dafür brauchst du nicht unbedingt viel Geld, besondere Fähigkeiten oder einen freien Terminkalender.

Vielleicht braucht jemand einfach ein offenes Ohr. Vielleicht freut sich ein einsamer Mensch über einen Besuch. Vielleicht kannst du einem Kollegen eine unangenehme Aufgabe abnehmen, jemandem vergeben oder einem Fremden freundlich begegnen.

Denk daran: Gott hat dir seine Liebe nicht nur in Worten gezeigt. Er hat seinen Sohn für dich gegeben. Du lebst aus dieser unverdienten Gnade. Und genau diese Liebe darf durch dich andere erreichen.

Du musst nicht die ganze Welt retten. Aber du kannst für einen Menschen den Unterschied machen.

Herausforderung für heute: Halte bewusst die Augen offen. Wer in deinem Umfeld könnte gerade Ermutigung, Aufmerksamkeit oder praktische Hilfe gebrauchen? Warte nicht auf eine große Gelegenheit. Tu etwas Kleines, aber Konkretes.

Sei gesegnet!

„Der kleinste Akt der Freundlichkeit ist mehr wert als die größte Absicht.“ – Oscar Wilde zugeschrieben

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