Manchmal erschrecke ich über mich selbst. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das ich heute ohne Übertreibung als Gosse bezeichnen würde. Alkohol gehörte zum Alltag. Gewalt war nichts Außergewöhnliches. Armut war normal. Wenn ich heute davon erzähle, spüre ich manchmal einen Gedanken in mir aufsteigen.
Du hast es geschafft. Du bist diesen Kreisläufen entkommen. Du bist nicht alkoholabhängig geworden. Du bist nicht gewalttätig geworden. Du hast dir ein anderes Leben aufgebaut. Und ganz ehrlich?
Ein kleiner Teil in mir ist dann stolz darauf. Doch genau in solchen Momenten meldet sich eine andere Stimme. Leise. Aber eindeutig. „Alles, was du heute bist, verdankst du letztlich Gott.“
Und jedes Mal merke ich: Das Problem ist gar nicht mein Erfolg. Das Problem ist mein Stolz. Denn Stolz beginnt nicht erst dann, wenn wir uns besser fühlen als andere. Stolz beginnt dort, wo wir vergessen, wem wir alles verdanken.
Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mein Leben ohne Gott niemals so auf die Reihe bekommen. Er hat Türen geöffnet, die ich nie hätte öffnen können. Er hat Menschen geschickt, die mich geprägt haben. Er hat mir Chancen geschenkt, die ich mir nicht verdienen konnte.
Er hat mir Kraft gegeben, wenn ich selbst keine mehr hatte. Und heute Morgen war es wieder Gott, der mir einen neuen Atemzug geschenkt hat. Paulus stellt deshalb eine Frage, die mitten ins Herz trifft: „Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?“ (1. Korinther 4,7).
Was für eine Frage. Eigentlich zerlegt sie jeden Stolz. Meine Begabungen. Meine Gesundheit. Meine Familie. Meine Möglichkeiten. Mein Glaube. Selbst der Verstand, mit dem ich Entscheidungen treffe.
Alles ist letztlich Geschenk. Jakobus schreibt: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben.“ (Jakobus 1,17)
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr entdecke ich diese Geschenke. Der neue Morgen. Ein Mensch, der mich liebt. Ein Gespräch zur richtigen Zeit. Eine geöffnete Tür. Bewahrung. Vergebung. Hoffnung. Nichts davon ist selbstverständlich.
Und genau deshalb ist Dankbarkeit das wirksamste Gegenmittel gegen Stolz. Stolz sagt: „Ich habe mir das aufgebaut.“ Dankbarkeit sagt: „Gott hat mich bis hierher getragen.“
Das bedeutet übrigens nicht, dass Fleiß oder Disziplin unwichtig wären. Natürlich sollen wir unsere Verantwortung wahrnehmen. Aber selbst die Kraft zu arbeiten, die Fähigkeiten, die Möglichkeiten und die Chancen sind letztlich Gottes Geschenk.
Ohne den Geber gäbe es keine Gabe. Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen einem stolzen und einem demütigen Menschen. Der eine schaut auf das, was er besitzt. Der andere schaut auf den, der es geschenkt hat.
Je größer Gott in meinem Denken wird, desto kleiner wird mein Stolz. Und je mehr ich seine Güte erkenne, desto natürlicher werden Dankbarkeit und Anbetung. Denn Demut bedeutet nicht, schlecht von sich selbst zu denken. Demut bedeutet, ehrlich anzuerkennen: Ohne Gottes Güte wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.
Herausforderung für heute: Nimm dir heute fünf Minuten Zeit und schreibe zehn Dinge auf, für die du Gott danken kannst. Nicht die großen Wunder. Die kleinen Geschenke des Alltags. Vielleicht wirst du dabei entdecken, dass Stolz immer dort schrumpft, wo Dankbarkeit wächst.
Sei gesegnet!
„Dankbarkeit ist nicht nur die größte aller Tugenden, sondern die Mutter aller anderen.“ — Marcus Tullius Cicero


