Selbstwirksamkeit: Warum jeder Mensch die Ursache einer Wirkung sein möchte

Du willst nicht nur da sein. Du willst etwas bewirken. 

Schau einem kleinen Kind zu, das zum ersten Mal einen Lichtschalter betätigt. Es drückt – und das Licht geht an. Es drückt wieder – das Licht geht aus. Und dann wieder an. Und wieder aus. 

Was es in diesem Moment erlebt, ist kein Spieltrieb. Es ist etwas Fundamentaleres: die Entdeckung, dass das eigene Handeln eine Wirkung hat. Dass man nicht nur in der Welt ist – sondern dass man in der Welt etwas verändert. 

Dieses Bedürfnis verschwindet nicht mit der Kindheit. Maike Behn benennt es mit einem Satz, der so einfach wie tiefgründig ist: „Jeder Mensch möchte die Ursache einer Wirkung sein.“ 

Nicht Aufmerksamkeit. Nicht Lob. Sondern das Erleben, dass das, was man tut, zählt. Dass man gestaltet – und nicht nur reagiert. 

Reagieren oder Agieren – ein feiner, aber entscheidender Unterschied 

Es gibt Menschen, die durch ihren Tag navigieren wie ein Schiff ohne Ruder. Nicht weil sie kein Ziel hätten – sondern weil sie es verlernt haben, selbst zu steuern. Der Kalender bestimmt. Der Chef entscheidet. Die Stimmung der anderen gibt den Ton vor. Das eigene Handeln ist immer Reaktion – auf etwas, das von außen kommt.

Das ist nicht Schicksal. Es ist ein Muster. Und Muster lassen sich erkennen. 

Der Unterschied zwischen Reagieren und Agieren liegt nicht im Talent oder in der Intelligenz. Er liegt darin, ob man sich selbst als Ursache erlebt – oder als Effekt. Ob man das Leben als etwas betrachtet, das einem passiert – oder als etwas, an dem man mitschreibt. 


Wo lernt man Selbstwirksamkeit? 

Der Psychologe Albert Bandura hat den Begriff der Selbstwirksamkeit geprägt: die Überzeugung, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann. Und er hat gezeigt, dass diese Überzeugung nicht angeboren ist. Sie wird geformt – durch Erfahrung, durch Beziehung, durch das, was uns früh in unserem Leben gesagt und gezeigt wurde.

Wer als Kind erlebt hat, dass seine Handlungen Wirkung haben – dass seine Meinung gehört wird, dass seine Initiative willkommen ist, dass Fehler erlaubt sind und Versuche sich lohnen –, der trägt diese Erfahrung ins Erwachsenenleben weiter.  

Wer dagegen gelernt hat, dass es sicherer ist, still zu sein. Dass Initiative Ärger macht. Dass die Welt von anderen gestaltet wird, nicht von einem selbst – dem fehlt etwas Entscheidendes: die innere Überzeugung, dass es sich lohnt zu handeln. 

Maike Behn lenkt den Blick daher bewusst auf die Herkunftsfamilie. Nicht um Vorwürfe zu machen – sondern um zu verstehen, wo das eigene Muster begann. 


Drei Wege, diesem Impuls nachzugehen 

Geistliche Übung: Die Freude als Kraftquelle – und Gebet als Bewegung 

„Die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Nehemia 8,10)

Das ist keine fromme Floskel. Es ist eine Aussage über die Quelle echter Handlungskraft. Nicht Pflicht. Nicht Druck. Nicht Willenskraft. Sondern Freude – die aus der Beziehung zu Gott wächst und von dort aus trägt. 

Maike Behn schlägt eine konkrete Übung vor: Nimm dir eine Woche lang einen Psalm als Leitfaden für deine persönlichen Gebetsanliegen. Lies ihn. Bring ihn vor Gott. Und dann: bleib offen dafür, was sich bewegt. 

Denn Beten ist keine passive Haltung. Es ist – wie Maike Behn es formuliert – eine Art, Gottes Arm zu bewegen. Das Gebet macht uns nicht zu Empfängern. Es macht uns zu Akteuren.  


Körperübung: Deine Kraft wirklich spüren 

Balle deine Hand zur Faust. Spüre die Spannung in den Fingern, der Hand, dem Unterarm. Halte sie einen Moment. Oder: Nimm eine leere Tetrapackung und zerdrücke sie. Oder stelle dich vor eine Wand und versuche, sie wegzudrücken – als würdest du sie wirklich verschieben wollen. 

Was passiert? Der Körper erinnert dich: Du hast Kraft. Du bist kein schwaches Wesen, das die Dinge nur über sich ergehen lässt. Du kannst Druck ausüben, Widerstand leisten, etwas formen. 

Diese Übung klingt simpel – und das ist genau der Punkt. Manchmal braucht es den körperlichen Anker, um das zu erspüren, was der Kopf vergessen hat: Ich bin in der Lage, etwas zu bewirken. 

Zum Nachdenken: Herkunft, Muster und ein Erfolgserlebnis heute 

Drei Fragen, die es in sich haben: Welche Erfahrung haben Sie in Ihrer Herkunftsfamilie mit Selbstwirksamkeit gemacht? Wurde Ihr Handeln wahrgenommen? War Initiative erwünscht – oder gefährlich? 

Wo reagieren Sie in Ihrem heutigen Leben – und wo agieren Sie? In welchen Bereichen sitzen Sie auf dem Beifahrersitz, obwohl Sie fahren könnten? 

Und dann: Schaffen Sie sich heute ein Erfolgserlebnis. Nicht groß. Nicht beweisbar. Einfach etwas, das Sie selbst in die Hand nehmen – und das Ihnen zeigt, dass Ihr Handeln Wirkung hat. 

Du bist nicht nur ein Effekt 

Der Glaube, keine Wirkung zu haben, ist eine der leisen Lügen, die das Leben enger machen, als es sein müsste. Und manchmal ist diese Lüge so alt, dass man gar nicht mehr merkt, dass man ihr glaubt. 

Aber du bist nicht nur der Empfänger von Dingen, die andere entscheiden. Du bist ein Mensch, der handelt, der gestaltet, der wählt. 

Die Frage ist nicht, ob du die Kraft dazu hast. Die Frage ist, ob du dir erlaubst, sie einzusetzen. 

 

Ein Gedanke darf weiterwachsen

Was nimmst du heute mit?

Vielleicht ist es ein Satz, eine Frage oder ein neuer Blick auf deinen Alltag. Nimm dir einen Moment – und entdecke weitere Impulse aus der Reihe Saatgut.

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