Angst vor Veränderung: Warum uns das bekannte Unglück sicherer fühlt

Das Paradox des vertrauten Schmerzes 

Es gibt Menschen, die seit Jahren in einem Job arbeiten, der sie aushöhlt. Menschen, die in Beziehungen bleiben, die ihnen nicht guttun. Menschen, die Muster wiederholen, obwohl sie längst wissen, dass sie nicht funktionieren. 

Von außen betrachtet fragt man sich: Warum? 

Von innen betrachtet weiß man die Antwort. Weil das, was man kennt, sich sicherer anfühlt als das, was man nicht kennt. Weil Veränderung Energie kostet. Weil das Unbekannte – auch wenn es Glück verspricht – trotzdem bedrohlich wirkt. 

Maike Behn bringt dieses Paradox auf den Punkt: „Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück.“ 

Das ist keine Aussage über schwache oder feige Menschen. Es ist eine Beschreibung eines zutiefst menschlichen Mechanismus – und der erste Schritt, ihn zu verändern, ist, ihn zu erkennen. 

Das Gehirn liebt das Bekannte 

Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Energie zu sparen. Was bekannt ist, was vorhersehbar ist, was wir schon kennen – das kostet weniger Ressourcen als etwas Neues. Das Neue muss geprüft werden. Bewertet. Abgesichert. 

Ein Unglück, das man kennt, ist verarbeitet. Es hat eine Geschichte, eine Erklärung, vielleicht sogar einen vertrauten Schmerz – der sich seltsam beruhigend anfühlen kann, weil er vorhersehbar ist. Das unbekannte Glück hingegen hat keine Geschichte. Es hat keinen Beweis, dass es hält. Es ist neu – und alles Neue ist erst einmal eine Unbekannte, die es zu überprüfen gilt.

Wer aus einem unglücklichen Muster aussteigt, muss diese Überprüfung leisten. Das kostet Mut. Und Mut ist kein Gefühl – er ist eine Entscheidung, die man trifft, während man Angst hat. 


Psalm 16,2 – Das Glück, das keine Unbekannte ist 

Inmitten dieser Dynamik setzt Maike Behn einen anderen Akzent. 

„Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ (Psalm 16,2) 

Das ist eine erstaunliche Aussage – nicht nur wegen ihrer theologischen Tiefe, sondern auch wegen ihrer psychologischen Logik. Denn hier ist Glück keine Unbekannte. Gott ist keine Unbekannte. Er ist der, der kennt, der da war, der bleibt. Nähe zu ihm ist – wenn man ihr Raum gibt – kein Sprung ins Dunkle, sondern ein Heimkommen. 

Maike Behns Übung macht dieses innere Verhältnis sichtbar: mit zwei ganz gewöhnlichen Kissen. 


Drei Wege, diesem Impuls nachzugehen 

Geistliche Übung: Der Abstand zwischen den Kissen 

Nimm zwei Kissen. Eines repräsentiert Gott, eines repräsentiert dich. 

Leg beide vor dich hin – und dann: Experimentiere mit dem Abstand. Wie nah darf Gott dir kommen? Wo beginnst du, die Kissen auseinanderzuschieben? Und was passiert, wenn du sie ganz nah zusammenrückst? 

Diese Übung ist keine Spielerei. Sie macht sichtbar, was wir oft im Verborgenen tragen: Wie vertraut ist uns die Nähe zu dem, der unser eigentliches Glück ist? Ist auch das – wie so vieles Unbekannte – noch ein wenig unheimlich? 

Körperübung: Spannung kennen, um loszulassen 

Verbiege dich möglichst verrückt. Ziehe die Schultern hoch, verkrample die Hände, spanne alle Muskeln gleichzeitig an – so weit du kannst. Dann: Innehalten. Wahrnehmen. 

Und jetzt: Loslassen. Räkeln. Strecken. Dehnen. Alles, was sich angespannt hat, wieder gehen lassen. Nimm den Unterschied wahr. 

Der Körper macht in Sekunden erfahrbar, was der Verstand manchmal jahrelang nicht zugeben will: Wir wissen oft nicht, wie angespannt wir sind, bis wir loslassen. Das bekannte Unglück ist wie diese Körperspannung – vertraut, gehalten, irgendwie ausgehalten. Das Loslassen kann sich erst seltsam anfühlen. Und dann befreiend.


Zum Nachdenken: Wann warst du das letzte Mal wirklich glücklich? 

Wann, mit wem und wo waren Sie das letzte Mal glücklich? Was haben Sie dazu beigetragen? Und: Wo könnten Sie sich in Ihrem Alltag täglich einen Glücksmoment schaffen – keinen großen, sondern einen kleinen, greifbaren? 

Das Unbekannte wagen 

Das bekannte Unglück loszulassen ist keine Kleinigkeit. Es braucht keine heroischen Entscheidungen. Manchmal reicht der erste kleine Schritt: ein Kissen rücken. Eine Muskelspannung lösen. Eine Frage ehrlich beantworten. 

Was wäre, wenn das unbekannte Glück gar nicht so unbekannt ist, wie es sich anfühlt? Was, wenn es auf dich wartet – in der Nähe, die du dir noch nicht erlaubt hast? 

Ein Gedanke darf weiterwachsen

Was nimmst du heute mit?

Vielleicht ist es ein Satz, eine Frage oder ein neuer Blick auf deinen Alltag. Nimm dir einen Moment – und entdecke weitere Impulse aus der Reihe Saatgut.

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