Frauen mit Kerzen in der Dunkelheit

Wenn der Bräutigam sich verspätet

Jürgen Ferrary
9. Februar 2026

Jesus erzählt ein Gleichnis von zehn Jungfrauen, die auf einen Bräutigam warten. Für uns klingt das zunächst fremd. Doch seine Zuhörer wussten sofort, worum es geht. Damals begann eine Hochzeit nicht mit einem festen Termin im Kalender, sondern mit Erwartung. Man wartete vor dem Haus des Bräutigams, bis er erschien. Oft waren es junge, unverheiratete Frauen, die mit Öllampen den Hochzeitszug anführten. Sie leuchteten den Weg zum Haus der Braut, wo gefeiert wurde. Wann der Bräutigam kam? Ungewiss. Meist nach Sonnenuntergang.

Kein Countdown. Keine Push-Nachricht. Nur Bereitschaft. Jesus erzählt: „Die fünf törichten nahmen kein Öl für ihre Lampen mit; die fünf klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen mit ihren Lampen.“ (Matthäus 25,3–4)

Alle zehn warten. Alle zehn schlafen irgendwann ein. Der Unterschied liegt nicht im Schlaf – sondern in der Vorbereitung. Als der Ruf ertönt: „Siehe, der Bräutigam kommt!“, merken fünf von ihnen, dass ihr Öl nicht reicht. Sie laufen los, um neues zu kaufen. Und während sie unterwegs sind, kommt der Bräutigam. Die Tür wird geschlossen.

Dieses Gleichnis steht in einer Reihe von Endzeitreden Jesu. Theologisch ist es eindeutig: Jesus spricht von seiner Wiederkunft. Er nennt sich selbst an anderer Stelle den Bräutigam. Die Wartenden stehen für Menschen, die sich zu ihm zählen. Es geht nicht um Außenstehende – sondern um solche, die grundsätzlich dabei sein wollen.

Und genau das macht die Geschichte so eindringlich. Denn alle zehn hatten Lampen. Alle zehn warteten. Alle zehn rechneten irgendwie mit seiner Ankunft. Aber nur fünf waren innerlich vorbereitet.

Bereitsein im Sinne Jesu ist keine Hektik, kein religiöser Aktivismus. Es ist eine gelebte Beziehung. Öl steht in der biblischen Symbolik oft für den Heiligen Geist, für lebendige Verbindung mit Gott. Man kann Glauben nicht ausleihen. Man kann ihn nicht im letzten Moment nachkaufen. Er wächst im Alltag.

Was mich bewegt: Die törichten Jungfrauen wollten ja dabei sein. Sie hatten keine böse Absicht. Sie hatten nur nicht mit Verzögerung gerechnet. Und ist das nicht unser Problem?

Wir rechnen mit Gottes Eingreifen – aber bitte zeitnah. Wir erwarten Gebetserhörungen – aber möglichst planbar. Doch was, wenn Jesus sich „verspätet“? Was, wenn Jahre vergehen? Was, wenn Warten Teil des Glaubens ist?

Vielleicht gilt das auch für das Warten. Wir verstehen erst im Rückblick, warum Treue im Verborgenen entscheidend war.

Jesus erzählt diese Geschichte nicht, um Angst zu schüren, sondern um Klarheit zu schaffen. Das Reich Gottes ist kein spontaner Event. Es ist eine Einladung in eine wachsende, tragfähige Beziehung. Und diese Beziehung entsteht nicht in der letzten Minute.

Mich trifft diese Frage ganz persönlich: Wenn Jesus heute käme – wäre mein Herz wach? Oder funktioniere ich nur noch religiös?

Die klugen Jungfrauen zeichnen sich nicht durch spektakuläre Taten aus. Sie haben einfach vorgesorgt. Sie haben damit gerechnet, dass das Warten länger dauern könnte. Bereitschaft heißt: heute treu sein. Heute beten. Heute lieben. Heute vergeben. Heute hören.

Nicht irgendwann. Und deshalb lautet mein Gebet heute: „Herr, hilf mir, bereit zu bleiben.“ Ich will bereit sein.

Und du so?

Kleine Herausforderung: Lies heute das Gleichnis (Matthäus 25,1-13) in Ruhe durch. Nimm dir etwas Zeit und denke darüber einen Moment nach. Wenn Jesus heute zurückkommen würde, wärst du bereit? Oder müsstest du erst schnell noch Öl kaufen gehen?  
Bitte den Geist Gottes (neu), dein Herz wach zu halten. Nicht aus Angst vor der verschlossenen Tür – sondern aus Sehnsucht nach dem Fest. Denn darum geht es: um Freude. Um Ankommen. Um Gemeinschaft. 

Sei gesegnet.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“ (Søren Kierkegaard).

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