Wenn ich mir die letzten Worte von Jesus am Kreuz anschaue, geht mir eines besonders durch Mark und Bein: „Um die Mittagszeit wurde es plötzlich im ganzen Land dunkel – bis drei Uhr. Gegen drei Uhr rief Jesus mit lauter Stimme: »Eli, Eli, lama asabtani?«, das bedeutet: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«“ (Matthäus 27,45–46 NLB).
Diese Worte sind kaum auszuhalten. Sie zeigen, wie radikal allein Jesus in diesem Moment war – nicht nur körperlich am Kreuz, nicht nur von Menschen verlassen, sondern in einer Tiefe, die wir kaum begreifen können. Der Sohn, der in vollkommener Einheit mit dem Vater lebte, erlebt plötzlich Verlassenheit. Eine Leere. Ein Schweigen.
Gerade für ihn muss das unerträglich gewesen sein. Jesus lebte aus dieser ununterbrochenen Beziehung zum Vater heraus. Er konnte sagen: „Der Vater und ich sind eins“ (Johannes 10,30). Und jetzt – diese Distanz. Diese Finsternis. Warum?
Weil er die Schuld der Menschheit auf sich nahm. Weil er unsere Sünde trug.
Sünde und Gott passen nicht zusammen – wie Feuer und Wasser. Und in dem Moment, in dem Jesus alles auf sich nimmt, was uns von Gott trennt, geht er genau dorthin: in diese Trennung. Nicht, weil der Vater ihn nicht mehr liebt, sondern weil Jesus freiwillig den Ort einnimmt, an dem wir eigentlich stehen würden.
Der Kampf, den Jesus hier kämpft, ist kein sichtbarer. Keine Schwerter, keine Gewalt, kein äußeres Spektakel. Es ist ein innerer, geistlicher Kampf. Ein Ringen in der tiefsten Dunkelheit. Körperlich am Ende, emotional erschöpft – und geistlich allein.
Verlassen von den meisten seiner Freunde. Verurteilt von den religiösen Führern seines Volkes. Ausgeliefert an ein System, das eigentlich für Gerechtigkeit stehen sollte. Und mitten darin dieser Schrei.
Es ist kein Zweifel. Kein Abfall vom Glauben. Es ist die ehrlichste Form von Schmerz. Jesus greift hier Worte aus Psalm 22 auf – ein uralter Klagepsalm. Er bringt damit zum Ausdruck, wie sich diese Situation für ihn anfühlt: gottverlassen.
Und doch bleibt er im Gespräch mit Gott. „Mein Gott, mein Gott…“ – selbst im Gefühl der Verlassenheit hält er fest. Das ist entscheidend. Jesus wusste, warum er dort hing. Er hatte diesem Weg zugestimmt. Aber das macht den Schmerz nicht kleiner. Im Gegenteil: Er erlebt am eigenen Leib, was es bedeutet, von Gott getrennt zu sein.
Man könnte sagen: In diesem Moment schmeckt Jesus die Hölle. Nicht als Ort mit Feuerbildern, sondern als Zustand völliger Gottesferne. Ohne Trost. Ohne Licht. Ohne Nähe. Für dich. Für mich.
Damit unsere dunkelsten Momente nicht mehr gottverlassen sind. Damit dein „Warum?“ nicht ins Leere fällt. Damit du, selbst wenn du nichts mehr spürst, nicht allein bist. Vielleicht kennst du solche Momente. Zeiten, in denen Gott fern wirkt. Gebete unbeantwortet bleiben. Der Himmel sich wie verschlossen anfühlt.
Dann ist dieser Schrei von Jesus kein Fremdkörper in deinem Glauben – sondern eine Brücke. Er kennt diesen Ort. Und weil er ihn betreten hat, musst du ihn nie mehr allein betreten.
Das Kreuz zeigt nicht nur, wie sehr Gott leidet – sondern wie weit er geht, um dir nahe zu sein. Am Ende steht nicht die Verlassenheit. Sondern die Beziehung. Nicht die Dunkelheit. Sondern das Licht. Nicht der Tod. Sondern das Leben.
Herausforderung: Wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, dass Gott weit weg ist, dann bete trotzdem – ehrlich, roh, ungefiltert. Halte fest an deinem „Mein Gott“, selbst wenn du ihn gerade nicht spürst.
Sei gesegnet.
„In unseren dunkelsten Momenten müssen wir uns auf das Licht konzentrieren“ (Aristoteles?)


