Wenn es um Vergebung geht, herrschen viele falsche Vorstellungen. Oft meinen wir gut, wenn wir sagen: „Du musst dem anderen vergeben lernen“, meinen damit aber: „Du musst vergessen, was passiert ist.“
Doch das ist nicht nur unmöglich (außer man leidet an Demenz), sondern auch nicht das, was Vergebung wirklich bedeutet.
Viele Menschen ahnen, dass Vergebung wichtig ist und uns guttut, aber gleichzeitig denken wir, dass wir nur vergeben können, wenn der andere darum bittet. Oder wir glauben, dass wir den Schmerz verharmlosen oder vergessen müssen, was uns angetan wurde. Manche denken, dass Vergebung bedeutet, dass Vertrauen sofort wiederhergestellt oder die Beziehung direkt gekittet sein muss.
Manche frommen Christen meinen sogar, sie müssten Tätern vergeben, wenn sie sehen, dass diese andere Menschen verletzt haben, obwohl sie selbst gar nicht betroffen sind.
Doch die Bibel zeigt uns ein anderes Bild:
Paulus schreibt im sogenannten Hohelied der Liebe:
„Liebe verletzt nicht den Anstand und sucht nicht den eigenen Vorteil, sie lässt sich nicht reizen und ist nicht nachtragend.“ (1. Korinther 13,5 HfA)
Gott ist nicht nur der, der liebt, er ist selbst die Liebe (1. Johannes 4,8). Und wenn Gott Liebe ist, dann gilt auch für ihn: Er ist nicht nachtragend. Er knüpft Vergebung nicht an Bedingungen. „Ich vergebe dir, wenn …“ mag menschlich verständlich sein, hat aber mit echter Vergebung wenig zu tun. Vergebung ist bedingungslos und hängt nicht von der Reaktion des anderen ab.
Ein weiterer Punkt: Es gibt einen Unterschied zwischen „jemand verletzt mich“ und „jemand tut mir Unrecht“. Verletzungen können versehentlich passieren. Unrecht geschieht bewusst. Wo Unrecht geschieht, ruft es nach Vergebung – nicht, um den Täter zu entlasten, sondern um dich selbst zu befreien.
Viele wünschen sich, dass mit der Vergebung auch die zerbrochene Beziehung sofort wieder hergestellt wird. Doch Vergebung und Versöhnung sind zwei verschiedene Dinge. Vergebung kann sofort geschehen, in dem Moment, in dem du sie aussprichst. Versöhnung braucht oft Zeit. Vertrauen wieder aufzubauen kann ein langer Weg sein, der auch echte Reue und Umkehr des Täters voraussetzt – manchmal sogar Wiedergutmachung.
„Vergeben und Vergessen“ klingt schön, ist aber ein Mythos. Wenn du versuchst zu vergessen, konzentrierst du dich umso stärker auf den Schmerz, was das Vergessen unmöglich macht.
Das Geheimnis der Vergebung liegt nicht im Vergessen, sondern darin, mit Gottes Perspektive auf das Geschehene zu schauen. Gott kann aus dem größten Schmerz noch etwas Gutes entstehen lassen, wenn du ihm vertraust und auf seine Weise reagierst.
So wie Sünde ihren Preis hat, hat auch Vergebung ihren Preis. Vergebung bedeutet nicht, dass Unrecht egal ist. Sie bedeutet, dass du die Schuld dem anderen nicht mehr ständig vorhältst und dich weigerst, Bitterkeit in deinem Herzen wohnen zu lassen.
Ich lade dich ein, in den nächsten Tagen mit mir gemeinsam herauszufinden, was Vergebung wirklich bedeutet und wie befreiend es ist, wenn wir lernen, sie zu praktizieren – so wie Jesus es uns vorgelebt hat.
Denn Vergebung ist kein Gefühl. Sie ist eine Entscheidung.
Und sie hat die Kraft, dein Herz und dein Leben neu zu machen.
Sei gesegnet!
„Vergebung ist die höchste Form von Liebe“ (Reinhold Niebuhr).