Als ich noch Student war, arbeitete ich bei einem Musikprojekt des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM). Ein Jahr lang probten wir mit Jugendlichen aus dem Kiez für eine große Show. Musik, Tanz, Theater – und ganz viel Chaos. Die meisten hatten keine Bühnenerfahrung. Manche hatten noch nie ein Instrument in der Hand gehalten. Und singen? Nun ja – sagen wir: Die Dusche war oft das größte Publikum.
Zu jeder Probe gehörte ein fester Programmpunkt: „Der Märchen-Onkel erzählt.“ Das war ich. Was die Jugendlichen Märchen nannten, waren Geschichten über den Glauben. Bilder. Vergleiche. Gleichnisse. Und ehrlich gesagt: Ich mochte diesen Spitznamen. Denn wenn einer in Bildern sprach, dann Jesus selbst.
„Die Menschenmenge, die sich um Jesus versammelte, war so groß, dass er sich in ein Boot setzte … Er sprach über vieles zu ihnen und gebrauchte dazu Gleichnisse“ (Matthäus 13,2–3).
Jesus sprach von Schafen und Münzen, von Senfkörnern und Sauerteig. Und auch von Samen. Ein Sämann geht aus, um zu säen. Ein Teil fällt auf den Weg – die Vögel holen ihn. Ein Teil auf felsigen Boden – keine Wurzeln, schnell verdorrt. Ein Teil unter Dornen – erstickt. Und ein Teil auf guten Boden – und bringt Frucht.
Ich habe dieses Gleichnis immer geliebt. Aber lange habe ich es falsch verstanden. Ich dachte: Ich muss der Gärtner sein. Ich muss den Boden vorbereiten. Ich muss Menschen überzeugen. Ich muss genug Begeisterung, genug Argumente, genug Leidenschaft mitbringen, damit etwas wächst.
Doch das steht dort gar nicht.
Der Same ist das Wort Gottes. Der Sämann ist Gott selbst. Und ich? Ich bin nicht der Retter der Welt. Ich bin Boden.
Das Entscheidende im Gleichnis ist die Beschaffenheit des Herzens. Jesus erklärt später: Der gute Boden ist der Mensch, der das Wort hört, versteht und annimmt. Der offen ist. Der nicht nur emotional berührt wird, sondern innerlich Raum schafft.
Guter Boden heißt: Ich lasse Gott an mich ran. Guter Boden heißt: Ich verteidige nicht ständig meine Dornen. Guter Boden heißt: Ich gebe meinen Stolz, meine Angst, meine Ablenkungen ehrlich zu.
Denn ohne Samen bleibt selbst der beste Acker nur Erde. Und ohne Offenheit bleibt selbst die beste Predigt nur Schall.
Damals bei den Jugendlichen hatte ich so gehofft, dass sie ihre Herzen aufmachen. Ich wollte Frucht. Und einige von ihnen durfte ich später wirklich wiedersehen – in verschwenden Gemeinden in Berlin. Manch ein junger Mensch, der vorher mit dem Glauben nichts zu tun hatte, hatte sein Herz aufgemacht. Die Geschichten von Jesus waren auf fruchtbaren Boden gefallen, nicht, weil ich so überzeugend war. Sondern weil Gott gesät hat – und ihre Herzen offen waren.
Das hat mich entspannt. Ich muss nicht alles kontrollieren. Ich muss nicht jede Frucht produzieren. Ich darf vertrauen. Vielleicht ist das heute die eigentliche Frage: Nicht: „Wie kann ich mehr bewirken?“ Sondern: „Wie offen ist mein Herz?“
Kleine Herausforderung für heute: Lies heute Matthäus 13,1–9 und die Erklärung von Jesus in den Versen18–23. Und frage dich ehrlich: Wo ist mein Herz hart geworden? Wo oberflächlich? Wo erstickt von Sorgen, Terminen, digitalen Dornen?
Und dann bitte Gott ganz konkret: „Mach mich neu zu gutem Boden.“ Denn Veränderung beginnt nicht mit mehr Aktion. Sie beginnt mit Offenheit.
Sei gesegnet!
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit und unsere Kraft zur Wahl“ (Viktor E. Frankl).


