Jesus und seine Jünger

Näher als gedacht

Jürgen Ferrary
24. April 2026

In der Schule sage ich den Kindern immer wieder: „Ihr braucht mich nicht so anzubrüllen, ich stehe doch direkt neben euch!“ Meist schauen sie mich dann überrascht an. Ehrlich gesagt bin ich beim Beten manchmal gar nicht so anders. Ich bete, als wäre Gott weit weg. Als müsste ich mich nur genug anstrengen oder die richtigen Worte finden, damit er mich überhaupt hört.

Dabei sagt Jesus etwas Erstaunliches – in der Nacht, bevor er verraten wird. Etwas, das seine Jünger damals kaum greifen konnten und das auch uns heute herausfordert: „Wenn dieser Tag kommt, werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater lebe und dass ihr in mir lebt und ich in euch“ (Johannes 14,20).

Nicht: Ihr werdet es euch erarbeiten. Nicht: Ihr werdet es irgendwann verdienen. Sondern: Ihr werdet erkennen.

Wenn ich ehrlich bin, passt das oft nicht zu meinem Erleben. Es gibt Tage, da fühle ich mich Gott nah. Und andere, da habe ich gar keine Lust zu beten oder spüre nichts. Manchmal wünsche ich mir sogar, dass Gott sich mir deutlicher zeigt.

Und genau hier liegt die Spannung: Jesus spricht von einer Realität, die unabhängig von unserem Gefühl gilt. Eine Wahrheit, die bleibt, auch wenn unser Empfinden schwankt.

Die Bibel beschreibt, dass bei Jesu Tod der Vorhang im Tempel zerriss. Ein starkes Bild: Die Trennung zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben. Der Zugang zu Gott ist frei. Was früher nur wenigen, einmal im Jahr möglich war, ist jetzt für jeden jederzeit offen.

Und an Pfingsten wird diese Nähe noch tiefer: Gott bleibt nicht nur zugänglich – er zieht ein. Durch seinen Geist lebt er in uns. Das bedeutet: Du bist Gott nicht fern. Du musst ihn nicht erst zu dir holen. Du lebst bereits in dieser Beziehung, von der Jesus spricht. Er hat nicht gesagt: „Du wirst vielleicht irgendwann nah genug sein.“ Er sagt: „Du bist in mir – und ich in dir.“

Ich habe lange so gebetet, als müsste ich Gott überzeugen, näher zu kommen. Als müsste ich geistlich „besser“ werden, damit er sich zeigt. Aber dieser Gedanke hält nicht stand, wenn man Jesu Worte ernst nimmt.

Er ist schon da.

Ob ich das gerade spüre oder nicht, ändert nichts an dieser Wahrheit. Mein Empfinden kann schwanken, aber seine Gegenwart nicht. Mein Bewusstsein kann trüb sein, aber seine Nähe bleibt klar.

Vielleicht liegt die größte Herausforderung nicht darin, Gott näher zu bringen – sondern wahrzunehmen, dass er nie weg war.

Herausforderung für heute: Nimm dir einen Moment der Stille. Ohne viele Worte. Ohne Druck. Und dann stell dir ehrlich diese Frage: Wo habe ich Gott gebeten, näher zu kommen, obwohl er längst da ist? Und dann tu etwas Ungewohntes: Versuche nicht, ihn zu erreichen – sondern nimm einfach wahr, dass er da ist. Vielleicht verändert genau das dein Gebet.

Du musst Gott nicht herbeirufen. Du darfst ihn entdecken.

Sei gesegnet!

„Was du suchst, sucht auch dich.“ – Rumi

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