Wer mich kennt, weiß: Meine Kindheit war nicht gerade fröhlich. Als ich vier Jahre alt war, verließ mein Vater die Familie. Zurück blieben meine Mutter, mein Bruder und ich – und ein Zuhause, das nie wirklich sicher war. Später lebten wir mit wechselnden Männern zusammen. Alkohol spielte fast immer eine Rolle. Unberechenbarkeit auch.
Wir Kinder wussten nie, was uns erwartete, wenn wir nach Hause kamen: Selbstmitleid, Aggression, Gewalt – oder Leere, weil niemand da war. Es gab auch schöne Momente. Aber das Grundgefühl war: Wir balancieren auf treibenden Holzstämmen in einem reißenden Fluss und hoffen, nicht unterzugehen.
Mit 16 hielt ich es nicht mehr aus und zog aus. Rückblickend hätte ich allen Grund gehabt, meine Mutter und ihren Mann, mit dem sie dann zusammen war, seitdem ich neun Jahre alt war, zu verachten. Für das, was sie mir angetan hatten. Für die Narben, die geblieben sind.
Aber dann lese ich die Worte von Jesus: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde“ (Matthäus 5,44). Das ist keine romantische Liebe. Keine Liebe zu Burgern, Urlaub oder einem frischen Outfit. Das ist biblische Liebe. Eine Liebe, die weh tut. Eine Liebe, die etwas kostet.
Wann immer meine Mutter Hilfe brauchte, stand ich vor ihrer Tür. Und ehrlich: Manchmal dachte ich, diese Bereitschaft müsse mir der Teufel eingeredet haben. Doch die Bibel sagt: „Die Liebe erträgt alles“ (1. Korinther 13,7).
Als meine Mutter mit unheilbarem Krebs im Krankenhaus lag, saß ich an ihrem Bett. Wenige Tage nach ihrem Tod bekam ihr Mann die Diagnose Lungenkrebs im Endstadium. Auch ihn begleiteten wir bis zum Schluss.
Biblische Liebe mehr als ein Gefühl. Gefühle kommen und gehen. Biblische Liebe ist eine Entscheidung. Ich hätte mich dagegen entscheiden können. Aber was wäre geblieben? Bitterkeit. Wut. Eine Vergangenheit, die mein Herz gefangen hält.
Jesus macht frei. Wirklich frei.
Wer sich für Liebe entscheidet – selbst wenn das Gefühl nicht mitzieht, selbst wenn es Kraft kostet – öffnet eine Tür zur Freiheit. Paulus schreibt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Römer 12,21)
Stell dir vor, alle Christen würden genau das tun, im Große wie im Kleinen. In unseren Taten, aber auch in unseren Worten. In unserer Haltung. In unserer Zunge, die so schnell verletzen kann, denn: „Tod und Leben stehen in der Gewalt der Zunge.“ (Sprüche 18,21)
Und bevor du denkst, ich wäre ein Held: bin ich nicht. Ich bin oft gestrauchelt. Habe gekämpft. Gezögert. Aber genau dieser Weg hat mich freigemacht. Denn Liebe überwindet – immer.
Auch du hast diese Wahl. Jeden Tag.
Kleine Herausforderung: Tu heute bewusst eine gute Tat – besonders für jemanden, der es dir schwer macht. Nicht aus Gefühl. Aus Liebe.
Sei gesegnet!
„Vergebung ist der Schlüssel, der die Tür zum Gefängnis des Grolls öffnet“ (Corrie ten Boom).


