Mann sitzt auf einem Berg über den Wolken

Eine andere Heimat

Jürgen Ferrary
19. Mai 2026

Die Kinder in der Schule haben einmal zu mir gesagt: „Herrn Ferrarÿ, Sie sind ja ein Zeitzeuge!“ Wir hatten im Unterricht über die Wende gesprochen und darüber, was Freiheit eigentlich bedeutet. Vieles verblasst mit den Jahren, aber manches ist bis heute tief in mir geblieben.Als die Mauer fiel, trafen plötzlich zwei Welten aufeinander, die gleichzeitig fremd und vertraut waren. Wir sprachen dieselbe Sprache, hatten dieselben Wurzeln und oft sogar Verwandte auf der jeweils anderen Seite. Und trotzdem hatten sich Alltag, das Denken und die Kultur unterschiedlich entwickelt.

Ich erinnere mich noch gut an diese ersten Wochen voller Euphorie. Die Freude überwog. Endlich Freiheit auf beiden Seiten. Endlich Begegnung. Doch nicht lange danach kamen die ersten spitzen Bemerkungen. Man sprach von den „Besser-Wessies“ und den „Jammer-Ossies“.

Und selbst Jahrzehnte später gibt es diese Trennung noch in vielen Köpfen. Menschen identifizieren sich bis heute damit, obwohl viele die Teilung Deutschlands nie selbst erlebt haben. Daran merkt man, wie sehr wir Menschen nach Zugehörigkeit suchen. Wir wollen wissen, wo wir hingehören. Wer wir sind. Was uns ausmacht.

Genau hier setzt Paulus mit einem erstaunlichen Gedanken an. Er schreibt: „Wir dagegen haben unsere Heimat im Himmel“ (Philipper 3,20).

Das klingt zunächst fast poetisch, ist aber viel mehr als das. Paulus spricht von Zugehörigkeit, Loyalität und Identität. Er sagt: Eure tiefste Heimat liegt nicht in einem Land, nicht in einer Kultur, nicht in einem politischen System und auch nicht in eurem Erfolg.

Mit der Auferstehung Jesu wurde ein König eingesetzt. Und wo ein König ist, dort gibt es auch ein Reich. Deshalb beten wir im Vaterunser: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“

Die Auferstehung Jesu bringt also nicht nur persönlichen Trost oder Hoffnung für irgendwann nach dem Tod. Sie bedeutet auch: Wir gehören jetzt schon zu einem Reich, das nicht erschüttert werden kann. Das verändert den Blick auf unseren Alltag.

Denn natürlich sitzen wir immer noch in Meetings. Wir zahlen Rechnungen. Wir erziehen Kinder. Wir kämpfen mit Sorgen, Zeitdruck und Unsicherheit. Aber mitten darin sind wir anders verwurzelt. Was würde passieren, wenn wir wirklich aus dieser Identität heraus leben würden?

Wenn Stau am Morgen nicht mehr darüber entscheidet, wie wertvoll wir uns fühlen. Wenn Kritik im Job uns nicht sofort den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn Nachrichten, Krisen oder gesellschaftliche Spannungen uns zwar beschäftigen, aber nicht unsere Hoffnung rauben.

Die Wahrheit ist: Deine Identität muss nicht jeden Tag neu erkämpft werden. Du musst nicht erst beweisen, dass du wertvoll bist. Du gehörst bereits zu Jesus. Zu seinem Reich. Zu einer Heimat, die bleibt, wenn alles andere wankt.

Das entfernt dich nicht aus dieser Welt. Aber es verändert, wie du in ihr lebst.

Du musst nicht verzweifelt nach deinem Platz suchen. Du trägst deine Zugehörigkeit bereits in dir.

Herausforderung für heute: Wo lässt du gerade andere Dinge bestimmen, wer du bist? Vielleicht dein Job, deine Leistung, dein Kontostand oder die Meinung anderer Menschen? Nimm dir heute bewusst einen Moment Zeit und erinnere dich daran: Deine tiefste Identität liegt nicht in dieser Welt, sondern in dem König, zu dem du gehörst.

Sei gesegnet!

„Heimat ist nicht ein Ort, Heimat ist ein Gefühl.“ – Herbert Grönemeyer

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