Jesus saß selten bei den Angesehenen und denen mit gutem Ruf. Und genau das brachte ihm Spott und Kritik ein. Hat ihn das gestört? Kein bisschen. Seine Antwort war klar: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Matthäus 9,12). Natürlich wusste Jesus, dass auch die, die sich für gesund hielten – die Erfolgreichen, die Moralisch-Starken, die Selbstsicheren – genauso wie wir alle dieses „Virus“ in sich trugen, das die Bibel Sünde nennt. Der Unterschied war nur: Die, mit denen er am Tisch saß, wussten es.
Vor ein paar Wochen holte mich meine Vergangenheit ein. Das klingt dramatischer, als es für mich war, aber für andere war es ein gefundenes Fressen. Jugendliche hatten Bilder von mir entdeckt, die auf der Erotikmesse „Venus“ in Berlin entstanden waren. Normalerweise interessiert sich kein Journalist für mich, aber in diesem Fall schon: Ein Theologe, der auf einer Porno-Messe ein Paar traut und den Segen Gottes zuspricht – das war eine Schlagzeile wert.
„Pastor segnet in der Sündenhölle“ – so oder so ähnlich klang es.
Bevor ich damals zugesagt hatte, hatte ich mir Rat geholt. Mein damaliger Pastor stellte mir zwei Fragen: „Siehst du die Gefahr, dass du selbst in Sünde gezogen wirst?“ und „Wie beurteilst du das geistlich?“ Ich sah für mich keine Gefahr. Und geistlich war meine Antwort klar: Wer braucht Gottes Vergebung und Liebe mehr – damals wie heute? Die Perfekten? Oder die, die gefallen sind, gestrauchelt sind, die mitten in ihrem Chaos stehen?
Hinter der Bühne entstanden dann auch die Bilder, die später ihren Weg in die Zeitung fanden. Doch etwas anderes ist mir viel stärker im Gedächtnis geblieben. Einige Frauen, die zuvor auf der Bühne getanzt hatten, kamen auf mich zu und fragten vorsichtig, ob ich der Pastor sei. Als ich nickte, fragte eine von ihnen: „Verurteilst du uns?“ Ich antwortete: „Ich muss nicht gut finden, was ihr tut. Aber wer bin ich, dass ich euch als Menschen verurteilen sollte?“
Sie bekam Tränen in die Augen und fiel mir um den Hals. Wer weiß, was sie bisher mit Christen erlebt hatte.
Wenig später stand ich auf der Bühne vor hunderten Männern und erzählte von Gott. Davon, dass er sie liebt. Dass das, wonach sie suchen, nicht an diesem Ort zu finden ist, sondern bei Jesus – dem, der sie annimmt und für sie am Kreuz gestorben ist.
Für das alles wurde ich später stark kritisiert. Und ganz ehrlich: Ich bin nicht stolz auf alles, was ich getan habe, aber ich schäme mich auch nicht. Ich habe versucht, meinen Auftrag ernst zu nehmen und Menschen von Jesus zu erzählen.
Denn genau das sehen wir auch bei ihm: Wenn Jesus bei Sündern saß, passierte etwas Erstaunliches. Ihre Unreinheit färbte nicht auf ihn ab – seine Heiligkeit färbte auf sie ab. Sie stieß sie nicht weg, sondern begann, sie zu verändern.
Der Tisch Gottes stellt unsere Maßstäbe auf den Kopf. Die Zerbrochenen sind willkommen. Die Verlorenen werden gesucht. Die Beschämten finden Gnade. Jesus lässt sich nicht vom Ruf eines Menschen beeindrucken, sondern vom Zustand seines Herzens. Er begegnet Menschen genau dort, wo sie stehen – und bringt Heilung in ihre Schuld, ihre Scham und ihre Gebrochenheit.
Und das ist keine alte Geschichte. Das gilt heute noch. Jesus lädt dich ein. Mich. Und ja, auch die, bei denen wir vielleicht innerlich zurückzucken. Seine Liebe reinigt. Seine Annahme macht ganz.
Wenn wir ihm nachfolgen, dann bedeutet das auch: Wir öffnen unsere Tische. Unser Leben. Unsere Herzen. Gerade für die, die übersehen, verurteilt oder ausgeschlossen werden. Denn Heiligkeit funktioniert bei Jesus nicht durch Abgrenzung, sondern durch Nähe. Seine Liebe fließt nach außen – und durch uns weiter.
Die entscheidende Frage ist deshalb doppelt: Sind wir bereit, uns selbst eingestehen, dass wir diesen „Arzt“ brauchen? Und sind wir bereit, anderen einen Platz an unserem Tisch zu geben?
Herausforderung für heute: Überlege dir ganz konkret: Wer fehlt an deinem Tisch? Und dann geh einen Schritt auf diese Person zu – nicht überheblich, sondern ehrlich, mit der Liebe Gottes im Herzen.
Sei gesegnet!
„Es sind nicht die Menschen, die uns verletzen. Es sind die Erwartungen, die wir an sie haben.“ (Unbekannt).


