Abschätzen

“Papa, wann sind wir da?“ Wir sind kaum auf der Autobahn, stellt meine Tochter im Normalfall unentwegt Fragen. „Wie oft noch zur Kita?“ Sie hat ein Gefühl dafür, wie lang der Weg von zu Hause bis in die Kita ist – mit dem Fahrrad, wie mit dem Auto. Und so versucht sie abzuschätzen, wie lang der Weg zum Ziel ungefähr sein mag. „Papa, wann kommt das Essen?“ Wir sitzen in einem gemütlichen Biergarten und warten mit knurrenden Mägen auf die bayerischen Spezialitäten.

Papa …

Meine Tochter möchte immer alles wissen. Und sie weiß auch ganz genau, was sie von mir will: „Papa, wenn wir mit dem Fahrrad am See angekommen sind, dann darfst du mir ein Eis spendieren.“ So, darf ich das? „Papa, kannst du mir das reparieren?“ Ich sitze gerade am Rechner und muss mich eigentlich konzentrieren. „Papa, hast du gehört, dass ich Hilfe brauche? Papa, jetzt …“

Vertrauen

Wenn ich nicht sofort reagiere, dann wird mit Nachdruck nachgefragt. Es zeigt mir, dass meine Tochter mir vertraut (bei meinem Sohn ist es nicht viel anders). Und sie weiß, dass ich sie liebe. Deswegen denkt sie immer: Was sie richtig findet oder in diesem Moment wichtig, das ist dann auf der Prioritätenliste ganz oben.

Jeder muss anpacken

Wenn ich dann selber mal eine Bitte habe: Sie möge ihr Zimmer aufräumen, ihre Klamotten ins Badezimmer in die Dreckwäsche packen, das Geschirr in den Geschirrspüler stellen, dann sieht das mit der Euphorie ganz anders aus. Auf diesem Ohr ist sie dann oft taub. Dabei geht es mir doch nicht darum, sie auszunutzen, weil ich zu faul bin. Ich denke, man kann nicht früh genug lernen, dass in der Gemeinschaft jeder mit anpacken muss. 

Auch ist es gut, wenn man frühzeitig zumindest eine gewisse Ordnung lernt, das macht vieles im Leben leichter. Und so manches, was ich Sarah bitte zu machen, hat den Hintergrund, dass sie Neues ausprobieren soll oder Selbstbewusstsein bekommt, weil sie Dinge eben alleine geschafft hat.

Das erkennt sie heute natürlich noch nicht. Sie sieht nur, dass ich ihr wertvolle Zeit zum Spielen „raube“. In meinem Glauben bin ich manchmal auf demselben Ohr taub. Ich weiß meist ziemlich genau, was ich von Gott will, wo er in meinem Leben eingreifen soll, wo er Probleme beseitigen, kleine Wunder (oder auch große) tun, wen er anrühren und wo er segnen soll. Dass Gott aber auch Erwartungen an mich hat, davon möchte ich nicht so gerne etwas wissen. 

Denkweise verändern

Paulus schreibt, wenn wir ein neuer Mensch geworden sind, weil Gott unsere Denkweise verändert hat, dass Folgendes passiert: „Dann werdet ihr wissen, was Gott von euch will.“ Es gibt also Dinge, Verhaltensweisen, Charakterzüge, Aktionen, Zeitplanungen und manch anderes, das Gott von uns erwartet. Aber es geht noch weiter: „Es ist das, was gut ist und ihn freut und seinem Willen vollkommen entspricht.“ (Römer 12,2)

Das, was Gott von uns möchte, ist das, was gut ist. Und was gut ist, freut ihn, weil es seinem Willen entspricht. Gott möchte mich also verändern, dass ich erkenne, was gut ist und das dann auch tue. Und nicht, weil er hinter mir steht, wie ich manchmal bei meiner Tochter: „Wir gehen erst ein Eis essen, wenn du dein Zimmer aufgeräumt hast!“ – sondern, weil er mich verändert und ich dadurch erkenne, was gut ist und was nicht, werde ich mich auch für das Gute entscheiden.

Reifen

Das bedeutet auch, dass ich Schlechtes eben weniger oder gar nicht mehr tun werde. Faszinierend. So, wie ich hoffe, dass meine Kinder reifen und ein glückliches, erfülltes Leben leben, möchte Gott, dass ich reife und ebenso ein glückliches, erfülltes Leben lebe.

Na dann: Auf geht’s, lassen wir uns verändern.

Sei gesegnet!

Weitere Gedanken und einen Song zum Tag gibt es hier: – zum selbst Lesen oder Weiterleiten – https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de