Schmerz

Irgendwie passen Text und Bild so gar nicht zusammen. Da ist ein Mann mit seiner Wut, der seinen Schmerz herausschreit. Die Worte des Liedes (in der Bibel werden diese Lieder Psalmen genannt) sprechen jedoch davon, Gott zu loben.

Wut – Schmerz …

Mit dem Mann kann ich mich gut identifizieren. Es gibt Momente im Leben, da möchte ich alles herausschreien, was mich innerlich bewegt: Wut, Schmerz, Verletzungen, Frust, Ärger, Verzweiflung. Und Anlässe gibt es im Alltag genug: nervige Kollegen auf der Arbeit, Stress bei der Kindererziehung, der Chef, die Umstände, Krankheiten, finanzielle Nöte, Ungerechtigkeiten, die einen treffen, Hoffnungslosigkeit, Burnout und vieles mehr.  “Gott, wo bist du? Gott, warum gerade ich? Gott warum greifst du nicht ein? Gott warum lässt du diese Ungerechtigkeit zu, die mich gerade trifft? Gott, warum nervt mich das alles so – und ich kann nichts dagegen tun? Gott, ich kann nicht mehr!”

Geheimer Lieblings-Held

Und ich bin dabei in guter Gesellschaft. König David ist einer meiner geheimen Lieblings-Helden der Bibel. Warum? Weil er so normal ist, weil er ein bisschen so ist wie ich. Okay, ich bin nicht so cool, wie David oder so erfolgreich – ich bin auch kein König und kein Kriegsherr. Ich kann auch nicht so gute Lieder schreiben   wie er.

Nicht mehr weiter wissen

Aber in vielem ist er mir dann doch ähnlich. Zum Beispiel, wenn er klagt. Dann schreit auch er seinen Frust, seine Wut heraus: Auch ihm steht das Wasser so manches Mal bis zum Hals. Auch ihn treffen Ungerechtigkeiten. Er wird verfolgt, verspottet – und ist das eine oder andere Mal an einem Punkt, wo er nicht mehr weiter weiß und auch nicht weiter will.

Anfragen an Gott

Wenn ich dann seine Zeilen lese, dann denke ich: “Ja, so geht es dir auch!” Nun habe ich nicht direkt Feinde um mich herum, die mir nach dem Leben trachten, aber die Verzweiflung, die Wut und der Frust, die Anfragen an Gott und der Schrei nach Hilfe – das alles kenne ich auch.

Unerwartetes

In den Liedern der Bibel geschieht aber jedes Mal etwas Unerwartetes. Es macht richtig Spaß, sie zu lesen und sich überraschen zu lassen: Nachdem David seinen Gefühlen freien Lauf gelassen hat, kippt seine Stimmung plötzlich – und aus Verzweiflung wird plötzlich Hoffnung. Aus Kummer wird Zuversicht. Aus Wut wird Lob.

Sinneswandel

In meinem Studium hat man uns zum Teil versucht einzureden, dass ursprünglich zwei Lieder zu einem zusammengefasst wurden, damit sie nicht frustrierend enden und die Menschen am Ende deprimierter sind als vor dem Lesen (oder Singen). Zum Glück gab und gibt es immer wieder Theologen, die sehen, was wirklich hinter dem Sinneswandel stecken muss: Gott, der David in seinem Leid, in seiner Not begegnet – und das hat alles verändert.

Hoffnungslosigkeit schwindet

Die Situation hat sich nicht schlagartig geändert, die Feinde sind nicht ganz plötzlich verschwunden – aber auf einmal war Gott da. Und, wo Gott Menschen berührt, schwinden Angst und Hoffnungslosigkeit und Hoffnung und Mut ziehen wieder ein. Deswegen liebe ich die Lieder von David so.

Erkenntnis

Sie machen mir Mut, denn wenn Gott bei David ist, wenn der seiner Klage Raum gibt, dann ist Gott auch bei mir, denn er “ist und bleibt derselbe, gestern, heute und für immer” (Hebräer 13,8). Das ist eine beruhigende und aufbauende Erkenntnis.

Bekennen

Bild und Text passen also doch besser zusammen, als auf den ersten Blick vermutet. Ich wünsche dir, dass dir Gott heute, in deiner derzeitigen Lebenssituation in Freud und Leid, in Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Krankheit oder Gesundheit, Stärke oder Schwäche (…) begegnet. Und vielleicht singen wir es dann nicht (oder vielleicht doch) – aber dann bekennen auch wir: “Wir wollen dich loben, denn du, Herr, hast uns Gutes getan!”

Sei gesegnet!

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Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de