Ersatz-Opa

Vor vielen Jahren lernte ich einen alten Mann kennen, der für ein paar Jahre so eine Art Ersatz-Opa für mich wurde. Sein Spitzname war “Takko”, benannt nach einer Cola-Marke, die es kurz nach dem Krieg gab. Ja, und den Namen hatte er zu Recht. Er war manches mal so überschäumend, wie eine Dose Cola, die man geschüttelt hatte. Auf der anderen Seite war er auch wirklich ein lieber Kerl, der für einen durchs Feuer gegangen wäre.

Herrenzimmer

Takko hatte ein großes Problem: Er war Messie. Keiner, der Müll in seiner Wohnung gesammelt hätte, Takko sammelte alles (meist neu gekaufte Dinge), die man ja “irgendwann noch mal gebrauchen konnte”. Als er mich das erste Mal zu sich in seine Altberliner Wohnung einlud, durfte ich nur in das “Herrenzimmer”. So nannte man früher ein Zimmer, das meist durch eine Schiebetür getrennt neben dem Esszimmer lag.

Schon hier sah man auf den ersten Blick das Problem. Eigentlich konnte man nur den Tisch direkt neben der Tür benutzen. Der daneben liegende Schreibtisch war so voll, dass kaum Platz zum Schreiben auch nur eines Briefes blieb. Das Zimmer war ordentlich und sauber – aber eben voll. Auf dem Weg zum Balkon erahnte man ein Sofa neben dem Fenster, den Stoff konnte man nicht sehen.

Irgendwann hatte Takko so viel Vertrauen zu mir, dass ich den Rest der Wohnung sehen durfte. Das Esszimmer konnte man fast gar nicht betreten, in seinem Schlafzimmer war lediglich das Bett und ein schmaler Gang zum Schrank frei – und dann gab es da noch ein Gästezimmer, das als solches gar nicht zu erkennen war. Vielmehr sah es aus, wie ein Lager, das man bis unters Dach voll gestellt hatte.

“Aufgeräumt”

Zwei Fragen beschäftigten mich: Wie konnte es so weit kommen? Takko war kein verwahrloster Mann, der sein Leben nicht mehr im Griff hatte. Er war sein ganzes Arbeitsleben lang Pädagoge gewesen und hatte bei vielen Jugendlicher “aufgeräumt” und ihnen geholfen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Und: Wie konnte ich ihm helfen?

Völlig aus dem Ruder

Takko erzählte, dass er irgendwann anfing, Dinge zu kaufen, von denen er annahm, dass andere sie brauchen würden. Auch, als er in Rente ging und es eigentlich keine anderen mehr gab, die er unterstützen hätte können, kaufte er immer weiter – und nun auch viele Dinge, von denen ich mich fragte, wer sie überhaupt brauchen konnte. Die Sache lief völlig aus dem Ruder – und nun stand er als alter Mann von fast 80 Jahren vor einem Berg, von dem er nicht wusste, wie er ihn loswerden konnte.

Befreiung

Wir wurden den Berg los, aber es dauerte Jahre. Und es war sehr schmerzhaft für Takko aber auch sehr befreiend. Als wir irgendwann an einem kleinen Tisch im Esszimmer direkt am Fenster saßen und frühstückten, weinte der alte Mann und sagte er hätte nie gedacht, dass er an dieser Stelle noch einmal essen würde können. Das bewegte mich sehr und von da an aßen wir jede Woche dort.

In unserem Leben sind wir auch in bestimmten Bereichen Messies. Zum Beispiel, wenn es um das Thema Schuld geht. Wenn ich Mist gebaut habe, dann stopfe ich das gerne in irgend eine Schublade – und weg ist der Mist.

Und, wenn die eine Schublade irgendwann voll ist, dann suche ich mir halt die nächste. Viele Dinge belasten mich dabei erst einmal gar nicht. Die sind “einfach weg” – wie die kleine Lüge, der kleine Betrug bei der Klassenarbeit, das kleine Schummeln beim Finanzamt oder das Schweigen, wenn mir die Kassiererin zu viel Geld aus der Kasse gegeben hat.

Andere Dinge belasten mich: Dass ich meine Mitschüler früher oft verprügelt habe, dass ich einen stotternden Jungen in der siebenten Klasse oft gequält habe (auch, wenn wir später gute Freunde wurden – die Schublade war mächtig voll von Schuld) und so manches mehr…

Aufräumen

Irgendwann geht es mir wie Takko. Mein “Seelenhaus” ist so vollgestopft, dass ich mich kaum noch bewegen kann. Und dann stehe ich auch vor einem Berg und denke, dass ich das nie schaffen kann.

Dann brauche auch ich Hilfe von außen – dass einer kommt und mit mir aufräumt. Auch das kann mächtig weh tun, denn auch ich muss mich von Dingen trennen, von denen es mir schwer fällt – auch, wenn Jesus mit mir viel seelsorgerlicher umgeht, als ich das mit Takko oft tat, viel geduldiger, viel liebevoller. (Was hatten wir für Kämpfe? – Ich kann mich daran erinnern, dass ich z.B. leere Video-2000-Cassetten wegwerfen wollte. Dafür gab es gar keine Abspielgeräte mehr, und er hatte auch keins. Aber Takko hingt daran…).

Wenn ich Jesus bei mir aufräumen lasse, dann wird es den einen oder anderen Brocken geben, bei dem ich sofort merke, dass es meine Seele entlastet, wenn er entsorgt wurde. Es wird aber auch die Momente geben, in denen etwas aus der hintersten, verstecktesten Schublade auftaucht. Dinge, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass es sie gibt.

Freude kann einziehen

Ich werde aber auch erleben: Je leerer “die Wohnung” (meiner Seele) wird, desto leichter lebt es sich. Je mehr verschrottet wird, desto mehr Verbitterung weicht und Freude kann einziehen. Und vielleicht schaue ich dann auch mal zurück mit Tränen in den Augen und denke: Ich hätte nie gedacht, dass ich mal hier an diesem Punkt stehe. Lasten von Schuld loszuwerden heißt leichter leben.

Mist wegwerfen

Ich lade dich heute wieder zu einem Tausch am Kreuz ein. Schreibe Dinge, die dich belasten auf und gib sie bewusst an Jesus ab. Er ist dafür am Kreuz gestorben. Das bringt vielleicht ebensowenig den schnellen Durchbruch, wie mein erstes Aufräumen bei Takko, aber es ist ein Anfang. Sprich es am besten laut aus: “Jesus, ich gebe dir diesen und jenen Mist, den ich gebaut habe. Ich bitte dich, den Mist wegzuwerfen und ihn gegen Freiheit, Liebe und Zufriedenheit zu tauschen. DANKE, Jesus. AMEN!”

Sei gesegnet!

https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für gottinberlin.de