Es geht um ethnische und religiöse Identität

Die Hebräer kannten drei Arten von FREMDEN. In der Bibel sind sie beschrieben. Der Gutmensch zieht oft Zitate aus der Heiligen Schrift, um seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen: “Nehmt euch der Fremden an, das ist Pflicht aller Menschen aus dem christlichen Abendland.” In der deutschen Sprache gibt es leider nur den einen Begriff FREMDER, obwohl die Bibel für den Fremden drei verschiedene Personengruppen meint. Wer nur oberflächlich das Buch der Bücher zu Rate zieht, sollte uns nicht durch mangelhafte Kenntnis an unsere Christenpflicht im Umgang mit FREMDEN erinnern. Das Wort Gottes ist weitaus gründlicher in der Argumentation als mancher ach so kluge Mensch.

Eine wichtige Frage tut sich auf: Können verschiedene Kulturen  miteinander auskommen?

Dazu einige Thesen zu dem Begriff des „Fremden“ in biblischen Texten mit  dazugehörigen systematischen Hinweisen. Im Anschluß an eine berühmte Predigt von Pastor Jacob Tscharnke, vgl.: https://www.youtube.com/watch?v=jVHipvY7br0 möchte ich folgende Gedanken zur Diskussion stellen:

Das Alte Testament (AT) kennt, je nach ihrem Status, verschiedene Differenzierungen für den Begriff des „Fremden“. Diese Differenzierungen werden in den deutschen Übersetzungen nicht nachvollzogen. Deshalb ist es notwendig, genauer in den hebräischen Urtext bzw. in seine wichtigste (griechische) Übersetzung, die Septuaginta, hineinzuschauen.

Typ 1:

Da ist zum ersten der so genannte „ger“ (griechisch: „proselytos“) zu nennen. Philo von Alexandrien, ein bedeutender jüdischer Gelehrter (+40 nach Christus) sagt, der Proselyt sei ein Mensch, der seinen Lebensschwerpunkt zur Frömmigkeit verlegt und eine neue, gottliebende Gemeinschaft erreicht hat; dafür verlasse er sein Heimatland und empfange rechtliche wie soziale Gleichstellung mit genuinen Juden (De specialibus legibus 1, 51-53). Der Proselyt ist also ein Konvertit.

Viele Stellen im AT meinen, wenn sie von „Fremden“ reden, diese Konvertiten. (Vgl.: z. B.  2. Mose 12, 19 und 42 und 49; 2. Mose 20, 10; 2. Mose 22, 20; 2. Mose 23, 9; 5. Mose 10, 18; 5. Mose 10, 19; 5. Mose 14, 2; Maleachi 3, 5; Psalm 146, 9 = Septuaginta Psalm 145, 9) usw.

Typ 2

Neben dem Proselyten gibt es den „tosaf“ (griechisch „paroikos“), den Beisassen. Dieser Beisasse hat weniger Rechte als der Proselyt. Er darf z. B. nicht am Passamahl teilnehmen (2. Mose12, 45). Ähnliche Bestimmungen finden sich in 3. Mose 22, 10.

Typ 3

Die wenigsten Rechte unter den „Fremden“ hat der nakhri (griech. der „hallotrios“). Er ist der „Ausländer“ schlechthin, der Fremde, der einem anderen Volk und einer anderen Religion angehört. Zu ihm soll das Volk Israel – um seiner religiösen und ethnischen Identität willen – auf Distanz gehen.

Am krassesten wird das im Buch Esra im 10. Kapitel geschildert: Esra befiehlt den Männern, sich von den nichtisraelitischen heidnischen Frauen, die sie während der Exilszeit geheiratet hatten, den gynaikas hallotrias, zu trennen (Esra 10, 11 ). Auch die aus diesen Mischehen hervorgegangenen Kinder haben zu verschwinden. (Die Geschichte der Moabiterin Rut ergibt kein Gegenbeispiel, da Rut eine Proselytin ist).

Wir sehen also, dass das Volk Israel, wie es im AT beschrieben wird, ein sehr differenziertes Verhältnis zu den „Fremden“ hatte.

Nächstenliebe

Wenn der Vorsitzende des Vereins „Zukunft Heimat“ in seinen Ausführungen auf der Demo vom 03.02. d. J. in Cottbus sagte, dass das Gebot der Nächstenliebe im AT, in 3. Mose 19, 20, sich natürlich zuerst einmal auf die Glieder des eigenen Volkes bezieht, so fügt sich diese Aussage nahtlos in den dargelegten Zusammenhang ein. Abstrahierend kann man sagen: Im AT wird anhand der hier aufgeführten Texte deutlich, dass es abgestufte partikulare Verpflichtungen gibt (Liebe zu den verschiedenen Menschen im eigenen Volk), die sich unvergleichbar (inkommensurabel) zu universalen Verpflichtungen (Liebe zu den Menschen in der ganzen Völkerwelt) verhalten, ja diesen sogar widersprechen können.

Der Berliner Philosoph Hans Joas sagt in seinem sehr lesenswerten Büchlein „Kirche als Moralagentur?“ (Kösel-Verlag 2006), dass wir Menschen notwendig in partikularen Beziehungen und Gemeinschaften eingebettet sind (Ehe, Familie, Freundschaft, Heimat, Volk). Aus dieser Einbettung erwachsen uns partikulare (besondere) Verpflichtungen, die wir vor und neben den universalen Verpflichtungen für alle Menschen auf der ganzen Welt  haben.

Verpflichtungen

Beide Verpflichtungen sind, wie eben dargelegt, völlig unvergleichbar und – so möchte ich hinzufügen – manchmal sogar einander widersprechend.  Joas:. „Es wäre nicht moralisch besser von uns, diese partikularen Verpflichtungsgefühle abzustreifen und z. B. unsere eigenen Kinder wegen unseres (universalen) Engagements für die Kinder Afrikas zu vernachlässigen.“ In diesem Zusammenhang verweist Joas auf den berühmten Roman von Charles Dickens „Bleak House“. Hierin wird u. a. die „Weltverbesserin“ Mrs. Jellyby geschildert, die sich bis zur Selbstaufopferung für Eingeborenensiedlungen in Afrika einsetz, darüber aber ihre Ehe und Familie vernachlässigt und zerstört. Zum Schluss steht sie nicht als die moralische Gewinnerin, sondern als die moralische Verliererin vor den ihren da.

Würde und Wert vor Gott

Noch deutlicher formuliert die Problemlage der amerikanisch Theologe H. Richard Niebuhr: Er sagt, dass zwar für den christlichen Glauben alle Menschen dieselbe Würde und denselben Wert vor Gott haben, dass Menschen aber in Beziehung leben, „relationale“ Wesen sind, so dass sie für andere Menschen selbstverständlich unterschiedlichen Wert haben. Niebuhr beruft sich in seiner Ansicht z. B. auf Luthers Argument hinsichtlich der Feindesliebe.

Luther sagt, dass ein Einzelner zwar auf den Widerstand gegen Gewalttäter verzichten und so Feindesliebe üben könne, aber nicht, wenn er zugleich Beschützer anderer sei. Die größere Sünde sei es dann, aus dem individuellen Wunsch nach Heiligkeit heraus seiner Verantwortung für diese anderen nicht gerecht zu werden (in Joas, S. 73).

Unvergleichbarkeit

Die Unvergleichbarkeit zwischen partikularen und universalen Verpflichtungen wird auch im Neuen Testament nicht aufgehoben. Das oft zitierte und universalistisch mißverstandene Gleichnis vom „Großen Weltgericht“, das zu suggerieren scheint, dass uns Jesus in jedem hilfsbedürftigen Menschen auf dieser unserer Welt höchstpersönlich erscheint (z. B. auch in jedem Straßenbettler in Berlin (?) – „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ Mathäus 25, 40), muß nach Gerhard Maier u. a. partikular interpretiert werden: Die geringsten Brüder Jesu sind nicht alle armen und elenden Menschen auf dieser Welt, sondern seine Jünger und Apostel. In ihnen begegnet uns Jesus selbst.

In eine ähnliche Richtung weist uns Galater 6, 10: „Laßt uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“. Auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist untauglich, eine universale Verpflichtung der Christen für alle Notleidenden der ganzen Welt zu begründen. Professor Dr. theol. Richard Schröder weist darauf hin, dass der barmherzige Samariter es ja nur mit einem einzelnen Hilfebedürftigen zu tun hatte. „Wäre er auf mehrere Elende gestoßen, wäre er mit dem Gerechtigkeitsproblem konfrontiert worden, wen er mitnehmen kann und wen er zurücklassen muss, da er nur ein Reittier hatte“ (R. Schröder „Was wir Migranten schulden und was nicht“ FAZ, 19.08.16) Das Gerechtigkeitsproblem wird im Gleichnis also nicht gelöst.

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