Lang ist es her

Mein Telefon klingelt. Als ich abhebe, höre ich eine Stimme, die fremd, aber doch irgendwie vertraut klingt. Es ist eine ehemalige Freundin des ersten Bassmannes Holger, die mich anruft. Man, das muss über 30 Jahre her sein, seit wir ein Wort gewechselt haben.

Wir sprechen eine Weile miteinander und schwenken irgendwann zu Privatem über – sie fragt, ob ich mich noch an einen Auftritt meiner Band “Fata Mor-Gana” im Jugendclub Floyd erinnern kann – kann ich. Ich erzähle, dass ich mit dem alten Drummer Honi wieder ein wenig Kontakt habe. Den kennt sie noch.

An einen Auftritt damals können wir uns beide noch erinnern. Wir spielten damals zusammen mit der Rock-Truppe “United Chaos” in der “Schottenburg” (einem anderen Jugendclub in Zehlendorf). “Kannst du dich noch an den Gitarristen von United Chaos erinnern?”, fragt mich die Stimme am Telefon? Und sie nennt einen Namen.

Erinnerung

Und wie ich das kann. Namen sind nach so einer langen Zeit wie Schall und Rauch. Aber natürlich kann ich mich erinnern – und genau an diesen einen Auftritt damals Ende der 80er Jahre. Denn auf den habe ich immer ein ganzes Stück aufgeschaut. Der war so super – er war Mister Flink-Finger. Und bei dem Auftritt damals wurde mir das fast zum Verhängnis. Wir waren mitten im Set, als die Musiker von United Chaos den Raum betraten.

Ich sah den Gitarrist – und meine Finger fühlten sich plötzlich an wie Blei. Nichts ging mehr so richtig. Ein Solo nach dem anderen wurde zur absoluten Anstrengung.

Vergleichen

Wenn wir uns mit anderen vergleichen, dann werden wir Verlierer sein können. Ich schaue entweder nach unten, weil ich denke, ich sei viel besser. Dann packt die Arroganz mein Herz. Oder ich schaue nach oben zu Menschen, von denen ich denke, sie seien so viel besser als ich. Und dann nagen Neid und Minderwertigkeitsgefühle an meiner Seele.

Neid

Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen der Neid Dramen herbeiführten. Kain tötete Abel aus Neid. Josef wurde von seinen Brüdern als Sklave verkauft aus Neid. Und selbst unter den Freunden von Jesus entflammte der Neid.

Wesentliches

Wenn ich mich mit anderen vergleiche, dann schaue ich am Wesentlichen vorbei: Gott hat mich einzigartig gemacht. Natürlich gibt es eine ganze Reihe Dinge, die ich optimieren kann (hätte ich damals mehr Gitarre geübt, wäre ich sicher besser gewesen…):

Ich kann trainieren, um einen sportlicheren Körper zu bekommen. Ich kann meine Frisur verändern, mir neue Anziehsachen kaufen. Ich kann ein Instrument lernen oder regelmäßig einem Hobby nachgehen. Aber das sind Äußerlichkeiten. Ich werde bei allem, was ich tue, Menschen sehen, die diese Sache nicht so gut können und Menschen, die besser sind als ich.

Zufriedenheit

Aber genau darauf kommt es nicht an. Ich werde nicht glücklich, weil ich Fußball spiele wie Ronaldo, singen kann wie Mark Foster oder aussehe wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Tagen. Was mich glücklich macht, ist Zufriedenheit. Wenn ich koche – und mein Essen gelingt mir gut, dann kann ich mich freuen. Wenn ich es vergleiche mit dem Restaurant an der Ecke oder der Art, wie meine Frau es kochen würde, dann eher nicht. Wenn ich das Essen dann irgendwann noch einmal koche, und es gelingt mir noch besser, dann kann ich mir schon mal auf die Schulter klopfen.

Eigenes Leben

Deswegen schreibt Paulus, wir sollen uns unser eigenes Leben anschauen und uns nicht mit anderen vergleichen. Wenn ich weiter komme im Leben, kann das glücklich machen. Wenn ich mich mit anderen vergleiche, werde ich nur verlieren.

Sprachlos

Der Auftritt damals hatte übrigens noch eine für mich unerwartete Wendung – denn der andere Gitarrist kam nach dem Auftritt zu mir und sagte, er würde total bewundern, wie ich Gitarre spiele. Ich hätte so viel Gefühl in meinen Solos, da könnte er sich eine Scheibe von abschneiden. Da war ich sprachlos.

Auf mich schauen

Wenn ich merke, dass ich mich mit anderen vergleiche, wenn ich merke, dass Neid oder Arroganz mein Leben schwer macht, weil es mich innerlich auffrisst, dann ist es gut, das bewusst abzugeben, bewusst loszulassen und es auszusprechen: “Ich will das nicht mehr! Ich lasse allen Neid und alle Arroganz los und gebe sie dir, Jesus, ab! Ab heute schaue ich auf mich. Ich weiß, dass ich Fehler habe und Veränderung brauche, aber ich weiß auch, dass Gott mich so liebt, wie ich bin! Und das ist gut so!”

Sei gesegnet!

https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de