gebeugter mann im braunen Kaputzenpulli

Im Leben eingreifen

Damals, als ich frisch Christ geworden bin, habe ich viel mehr, viel größere und viel spektakulärere Glaubenserfahrungen gemacht als heute. Ich wurde reich beschenkt. Ich hatte Gebetserhörungen, Gott hat konkret in mein Leben eingegriffen und, wenn ich Bibel gelesen habe, hat er deutlich zu mir gesprochen. Heute fühle ich mich ein bisschen wie der ältere Bruder in der Geschichte vom verlorenen Sohn, die Jesus erzählt. Gott feiert mit den anderen …

Bitterkeit

“Inzwischen war der ältere Sohn nach Hause gekommen. Er hatte auf dem Feld gearbeitet und hörte schon von weitem die Tanzmusik. Er rief einen Knecht herbei und fragte ihn erstaunt: ›Was wird denn hier gefeiert?‹  ›Dein Bruder ist wieder da‹, antwortete er ihm. ›Und dein Vater freut sich sehr, dass er ihn wohlbehalten wieder hat. Deshalb hat er das Mastkalb schlachten lassen, und jetzt feiern sie ein großes Fest.‹ Der ältere Bruder wurde wütend und wollte nicht ins Haus gehen. Da kam sein Vater zu ihm heraus und redete ihm gut zu: ›Komm und freu dich mit uns!‹ Doch er entgegnete ihm bitter: ›All diese Jahre habe ich mich für dich abgerackert. Alles habe ich getan, was du von mir verlangt hast. Aber nie hast du mir auch nur eine junge Ziege gegeben, damit ich mit meinen Freunden einmal richtig hätte feiern können. 30 Und jetzt, wo dein Sohn zurückkommt, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, jetzt lässt du sogar das Mastkalb für ihn schlachten!‹ Sein Vater redete ihm zu: ›Mein Sohn, du bist immer bei mir gewesen. Alles, was ich habe, gehört auch dir. Darum komm, wir haben allen Grund, fröhlich zu feiern. Denn dein Bruder war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt ist er wiedergefunden!‹«” (Lukas 15, 25 – 32).

Fest für den Bruder

Der ältere Bruder kommt nach Hause und sieht, dass der Vater ein großes Fest für seinen Bruder feiert. Der, der alles verprasst hat, bekommt, was er, der er immer treu gedient hat, nie bekommen hat. Ich kann den großen Bruder verstehen. Heute, wo ich schon lange Christ bin, habe ich manchmal das Gefühl, andere würden Gott viel mehr in ihrem Leben erfahren, als ich. Sie werden mehr beschenkt.

Beschenken

Gerade die, die frisch im Glauben anfangen, empfinde ich dann als besonders gesegnet. Ja, irgendwie merke ich, dass Gott immer bei mir ist. Ich habe ein tiefes Vertrauen in mir, dass Gott es gut mit mir meint. Aber wo sind die Erfahrungen, die die anderen machen (und die ich früher auch gemacht habe)? Warum beschenkt Gott immer andere und mich, der ich treu versuche, ein Leben nach seinem Willen zu leben, beschenkt er so wenig.

Zwei Dinge

Für mich selber muss ich zwei Dinge richtig stellen:

Ich glaube nicht, dass Gott damals größer, stärker, spektakulärer in mein Leben eingegriffen hat, als heute. Damals war alles neu. Jede Erfahrung, jede Gebetserhörung, jede aufregende Entdeckung in der Bibel habe ich damals in mich aufgesogen – und habe ständig darüber geredet. Deswegen sind Dinge von damals in meinen Erinnerungen präsenter als Erfahrungen von heute. 

Der zweite Punkt ist, dass ich mich damals mehr und intensiver nach solchen Erfahrungen ausgestreckt habe, als heute. Ich muss zugeben, dass mein Gebets-Leben anders war, als es heute ist. Auch das Wie und vor allem Wie-Oft war ein anderes, als mein Bibel-Lesen von heute. Glaube ist ein Stück Alltag geworden – wie schade. Ich wurde doch am Anfang so reich beschenkt.

Alles was ich habe,  gehört auch dir!

Der Vater antwortet dem älteren Sohn: “Alles, was ich habe, gehört auch dir. Darum komm, wir haben allen Grund, fröhlich zu feiern.” Ich bin von Gott angenommen worden. Ich bin Gottes Kind, Gott ist mein Vater. Er begleitet mich Tag für Tag. Mein Leben ist alles andere als sinnlos und wird einst in einer Herrlichkeit enden, die ich mir hier auf Erden noch nicht einmal erträumen kann. Ich bin reich beschenkt.

Gott greift ein

Wenn ich meine, andere, vielleicht besonders Leute, die frisch zu Gott gefunden haben, würden mehr oder spektakulärere Glaubenserfahrungen machen, als ich, dann sollte ich mich für sie freuen. Gott greift ein in diese Welt – großartig. Gott richtet heute noch auf, heilt heute noch Menschen, spricht heute noch zu seinen Kindern – Wahnsinn. ER beschenkt uns immer wieder neu.

Schau dich um

Und, wenn ich das Gefühl habe, selbst nicht mehr viel zu erleben, dann gilt auch für mich die Einladung vom Vater: “Komm doch mit hinein!” Strecke dich doch wieder nach dem Wirken Gottes aus, so, wie du es damals getan hast. Ich bin mir sicher, dass Gott dem viel schenkt, der ihn viel bittet. Bete wieder leidenschaftlich, nimm dir Zeit, die Bibel zu studieren. Suche Gott außerhalb der Hektik dieser Welt und gib ihm die Chance, mit dir zu sprechen. Dann wirst du Gott auch wieder mehr erleben und dich von ihm beschenkt fühlen. Und sei zudem ein Stück sensibel, schau dich um, was Gott alles tut in deinem Alltag.

Wir haben die Wahl

Interessant finde ich übrigens, dass die Geschichte ein offenes Ende hat. Es wird nicht berichtet, ob der Sohn sich von der Freude anstecken lässt und mitfeiert. Vielleicht will Jesus damit sagen, dass die Entscheidung bei uns selbst liegt. Bleiben wir draußen vor der Tür und schmollen oder gehen wir hinein ins Haus des Vaters und feiern ausgelassen.

Wir haben die Wahl.

Sei gesegnet!

Weitere Gedanken und einen Song zum Tag gibt es hier: – zum selbst Lesen oder Weiterleiten – https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de