New York

Es ist Spätnachmittag: “rush hour”, Hauptverkehrszeit in New York. Lärm, Hupen, vollgestopfte Fahrbahnen, endlose Autoschlangen, überschüttet vom grellen Licht der Reklamebänder, die an den Wänden und Fassaden der Gebäude entlangflackern. Dazwischen, eilig hastend, Menschen wie Ameisen. Und über dem Gewimmel hoch hinaufragend die Wolkenkratzer. Wie drohende Riesenfinger strecken sie sich in den dunkler werdenden Himmel.

Aktentasche

In einem der vielen Taxis, die sich durch das Gewühl den Weg zum Flughafen erkämpfen, sitzt eine kleine Reisegruppe aus Berlin. Sie hat mit dem Pastor ihrer Gemeinde eine vierzehntägige Amerikareise gemacht und befindet sich nun auf dem Rückweg.

Kaum hat der Taxifahrer seine Fahrgäste abgesetzt, dreht er auch schon um und taucht sofort wieder im Strom der Fahrzeuge unter. Als sich die Reisenden dem Eingang des Flughafengebäudes nähern, stellt einer von ihnen erschrocken fest, dass er seine Tasche mit allen Papieren im Taxi liegengelassen hat. Was nun? Ein Polizist, der dort gerade Dienst hat, hört sich den Bericht geduldig an, lächelt höflich und sagt dann nur trocken, mit einer wegwerfenden Handbewegung: “Hoffnungslos! Ein Taxifahrer in New York? Die Tasche sehen Sie nie wieder!”

Mitfliegen?

Niedergeschlagen geht die Gruppe zum Schalter der Chartergesellschaft. Ob der Betreffende nicht doch mitfliegen könne? Nein, heißt es da, der Name dieses Mannes stünde zwar ordnungsgemäß auf der Passagierliste, aber wenn er sich nicht ausweisen könne …!

Ein Strohhalm

Das kleine Team beratschlagt. Der Charterflug ist bezahlt, eine Umbuchung nicht möglich. Der Mann muß allein zurückbleiben. Alle legen ihre restlichen Dollarscheine zusammen, aber es reicht nicht einmal für ein Hotelzimmer. Plötzlich fällt dem Pastor ein, dass er da noch eine Adresse hat, von einem koreanischen Pfarrer aus New York, dem er vor ein paar Jahren begegenet ist. Ein Strohhalm, aber nicht mehr.

Koreanischer Pfarrer

Unser Mann verbringt die Nacht im Flughafen auf einer Bank. Die immer wieder aufsteigende Angst und Sorge legt er in Gottes Hände. Er weiß, die Freunde beten auch. Am nächsten Morgen ruft er den koreanischen Pfarrer an. Es gibt ihn tatsächlich noch, aber er muss ebenfalls dringend verreisen. Doch er lädt en armen Kerl ein, in sein Büro zu kommen und von dort aus alle Polizeistationen New Yorks anzurufen.

 

Glück gehabt

Da sitzt er dann mit seinen geringen Englischkenntnissen und den Seiten und Seiten voller Polzeikontaktstellen dieser riesengroßen Stadt. Wo soll er nur beginnen? Zögernd wählt er eine Nummer. Kaum hat er die ersten Sätze herausgestammelt, da unterbricht ihn am anderen Ende der Leitung eine lachende Männerstimme und fragt: “Sind Sie nicht der Unglücksrabe, der gestern abend seine Tasche im Taxi vergessen hat? Ich bin der Polizist, dem Sie das erzählt haben. Stellen Sie sich vor, der Taxifahrer hat Ihre Tasche tatsächlich abgegeben und zufälligerweise auch noch in unserer Polizeistation. Haben Sie ein Glück! Aber, dass Sie unter den vielen Telefonnummern gerade bei mir gelandet sind, ist nicht zu glauben!”

Wieder ein Tag später ruft ein überglücklicher Heimkehrer seinen Pator in Berlin an und sagt strahlend: “Du, Gott kennt sogar die Polizeistationen in New York.”

Viele Puzzelteile

Wie klein ist unser Vertrauen? So klein, dass wir meinen, dies alles sei nur ein Zufall gewesen? Oder so groß, dass wir wissen, nur Gott selbst konnte die vielen Teile dieses Puzzles zu einem solchen Meisterstück zusammenfügen. Wer an ihn glaubt, den lebendigen Schöpfer, der Himmel und Erde geschaffen hat, der steht vor einem weiten Horizont, der sich bis in die Ewigkeit erstreckt. Und um ihn immer wieder staunend zu entdecken, dazu ist auch eine verlorene Aktentasche nicht zu armselig.

Dr. Irmhild Bärend für GottinBerlin.de