Lust am Trinken

Mit dem Durst ist es so eine Sache. Es gibt Durst, der ist eher Appetit: Es ist Sommer, ich bin draußen und verspüre die Lust, etwas Kaltes zu trinken. Das ist ein Gefühl, das die meisten Menschen kennen – die Lust etwas zu trinken. Natürlich gibt es auch Menschen, die haben scheinbar immer “Durst” – meist auf Alkoholisches. Da ist die Lust schon in eine Sucht umgeschlagen – was nichts mehr mit natürlichem Durst zu tun hat.

Es gibt auch den Durst, der existentiell ist. Ein Mensch kann wochenlang überleben, ohne etwas zu essen, aber nur wenige Tage ohne zu trinken.

Trinkflasche ist leer

In bestimmten Bereichen – zum Beispiel beim Sport – ist Durst ein Zeichen dafür, dass es “eigentlich schon zu spät ist”. Als ich vor einigen Jahren Urlaub auf Korsika machte, unternahm ich mit jemandem zusammen eine Mountain-Bike-Tour. Die Natur war faszinierend, das Wetter umwerfend. Es war heiß, wir hatten Spaß. Nach einer Mittagspause war meine Trinkflasche leer – und kein Wasserhahn zum Auffüllen in der Nähe. Wir fuhren noch eine Weile weiter – kein Haus, kein Ort, keine Zivilisation weit und breit zu entdecken – dann verspürte ich großen Durst.

Leistungsarm

Es war zu spät. Mein Körper war dehydriert, meine Leistung fiel schlagartig ab, so dass ich kaum noch vorwärts kam. Selbst in dem Moment, wo wir einen Wasserhahn fanden und ausreichend trinken konnten, kam die Leistung nicht wieder. Das hängt mit der Darmtätigkeit zusammen. Die Transitzeit des Wassers vom Magen bis zum Dünndarm hängt davon ob, wie viel Flüssigkeit sich eigentlich im Magen befindet. Enthält er viel Wasser, so schießt die Flüssigkeit flutartig vom Magen zum Dünndarm; enthält er wenig, entspricht der Fluss eher dem eines tropfenden Wasserhahns.

Bei mir war es eher der Tropfen auf den heißen Stein. Ich war dehydriert. Wenn man dehydriert ist, dann hört man am Besten mit dem Sport auf, bis der Körper sich regeneriert hat. Das war bei uns leider nicht möglich, denn es waren noch viele Kilometer bis zurück zum Urlaubsort – was eine immer stärker werdende Quälerei bedeutete.

Durst der Seele

Mit unserer Seele ist es ein ganzes Stück so, wie mit dem Durst beim Sport. Unsere Seele kann auch Dürsten: Nach Gerechtigkeit, nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Sinn und vielem mehr. Und eigentlich bedeutet auch hier der Moment, in dem ich merke, dass ich Durst habe, dass es schon sehr spät – manchmal zu spät ist. Manches Mal können Stellschrauben dann nur noch schwer oder gar nicht umgestellt werden.

Ehe

So ist leider schon manche Ehe geschieden worden, weil ein Ehepartner gemerkt hat, dass ihm / ihr “irgendetwas in der Ehe fehlte” – ein innerer Durst, der nicht gestillt werden konnte. Oft ist es so spät, dass auch ein Seelsorger, ein Eheberater oder Therapeut nichts mehr tun kann, um diese Ehe zu retten.

Nach Leben dürsten

Noch schlimmer habe ich es erlebt, wenn (meist) Jugendliche “nach Leben” dürsten. Junge Menschen, die sich z.B. anfangen zu ritzen. Wie oft habe ich sie sagen hören: “Wenn das Blut fließt, dann spüre ich wenigstens ein bisschen Leben…” Und wie schwer ist es, diesen Menschen zu helfen.

Auftanken

Nach meinem einschneidenden Erlebnis beim Fahrradfahren habe ich mir angewöhnt – besonders beim Sport – zu trinken, bevor ich Durst verspüre. Bei jeder Pause – zwischen den Sätzen beim Volleyball z. B. – nehme ich mindestens einen kleinen Schluck. Das verhindert das Austrocknen.

Genaus so habe ich mir angewöhnt, meinen seelischen Durst nicht aufkommen zu lassen. Ich nehme mir Zeit für mich selbst, für meine Beziehung mit Gott, zum Auftanken, noch ehe ich spüre, dass mir etwas fehlt. Das ist in der Hektik des Alltags nicht immer leicht, aber es ist wichtig – denn nur so verhindere ich, dass der Akku leer, der Tank alle, die Seele trocken ist. Denn dann ist es zu spät.

Entscheidung

Ich wünsche dir den Mut, die Entscheidung zu fällen: “Ich will und ich werde nicht austrocknen, nicht heute, nicht morgen, gar nicht mehr!” Ich wünsche dir die Weisheit, Zeiten des Auftanken in dein Leben zu integrieren ohne ein schlechte Gewissen zu haben. Ich wünsche dir, dass du merkst, dass Gott eine Quelle ist, die niemals versiegt.

Sei gesegnet!

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de