Mann im Boot auf einem stillen See

Die Stille genießen

Manchmal genieße ich es, einfach morgens, auf dem Balkon zu stehen und hinauszuschauen. Meist tue ich das ganz früh, wenn auf der Straße noch nichts los ist. Es geht mir nicht darum Trubel oder Stadtleben zu beobachten – ich genieße dann einfach die Stille. 
 
Oder ich setze mich im Wald auf eine Bank oder mitten auf eine Wiese. Dann schaue ich einfach in die Gegend und merke, wie ich innerlich langsam zur Ruhe komme. 
 
Der Sturm der Gedanken legt sich langsam. Ich nehme die Geräusche um mich herum bewusster wahr – und oft dann auch Gottes Stimme, von der ich immer erwarte, dass sie in den Lärm meines Alltags brüllt, die aber immer leise werbend flüstert. 
 
Ich genieße die Stille dann sehr, es sind für mich viel zu seltene, heilige Momente, die einfach nur guttun.  “Nur bei Gott komme ich zur Ruhr, er allein gibt mir Hoffnung”, so heißt es im Psalm 62, 2 (HfA). Wenn ich bei Gott zur Ruhe komme, dann sortieren sich viele Dinge meines Lebens. Gedanken ordnen sich, Gefühle werden sortiert und werden gerade gerückt. 
 

Zur Ruhe kommen

In die Ruhe, in die Stille zu kommen ist wichtig und gut. Eine kleine Anekdote beschreibt dies wunderbar: 
 

Ein Mönch hatte sich in die Einsamkeit zurückgezogen, um in der Abgeschiedenheit vom lärmenden Leben seine Zeit der Meditation und dem Gebet widmen zu können. 

 
Einmal kam ein Wanderer zu seiner Einsiedelei und bat ihn um etwas Wasser. Der Mönch ging mit ihm zur Zisterne, um Wasser zu schöpfen. Dankbar trank der Fremde, und etwas vertrauter geworden, bat er den Mönch, ihm eine Frage stellen zu dürfen: “Sag mir, welchen Sinn siehst du in deinem Leben in der Stille?”.
 
Der Mönch wies mit einer Geste auf das aufgewühlte Wasser der Zisterne und sagte: “Schau auf das Wasser! Was siehst du?”. 
 
Der Wanderer schaute tief in die Zisterne, dann hob er den Kopf und sagte: “Ich sehe nichts.” Nach einer kleinen Weile forderte der Mönch ihn abermals auf: “Schau auf das Wasser der Zisterne. Was siehst du jetzt?”. 
 
Noch einmal blickte der Fremde auf das Wasser und antwortete: “Jetzt sehe ich mich selbst!”. 
 
“Damit ist deine Frage beantwortet”, erklärte der Mönch. “Als du zum ersten Mal in die Zisterne schautest, war das Wasser vom Schöpfen unruhig und du konntest nichts erkennen. Jetzt ist das Wasser ruhig – und das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selbst!”.
 
Eigentlich wäre es so gut, sich jeden Tag wenigstens ein paar Minuten zu nehmen, um still zu werden. Das täte unserer Gesundheit gut, das täte unserer Seele gut, das täte aber auch unserer Beziehung zu Gott gut. Wenn ich mich selbst sehe, dann werde ich nicht egozentrisch oder selbstverliebt, dann sehe ich, was Gott mir Gutes schenkt, wo ich seine Gnade erlebe – aber ebenso, wo ich Gott brauche, wo er in mein Leben hineinsprechen sollte, wo er mich trösten und aufbauen und wo er mich leiten und behüten soll.
 
Und vor allem bin ich dann viel empfänglicher für das, was er mir sagen möchte. 
 
Sei gesegnet!

Weitere Gedanken und einen Song zum Tag gibt es hier: – zum selbst Lesen oder Weiterleiten https://juergens-gedanken.blogspot.com

Jürgen Ferrary für GottinBerlin.de